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Der Komplex "Himbeerrutenkrankheit"

März 2002 Das Bestreben, weniger Chemie einzusetzen, bedeutet zugleich, mehr über die Biologie des Gartens zu wissen. Es scheint nützlich zu sein, den Garten – sei es der Haus- oder Kleingarten, der Gartenbaubetrieb oder eine geschlossene Gartenanlage – als eine biologische Einheit zu sehen, in der die verschiedenen Faktoren Standort, Wetter, Pflanzen und Tiere sich gegenseitig beeinflussen.


Ein interessantes Beispiel dafür ist das, was allgemein unter "Himbeerrutenkrankheit" verstanden wird. Unter diesem Begriff werden leichtfertig drei verschiedene Schadpilze und eine Insektenart zusammengefasst.

nach obenDidymella applanata

Der Pilz Didymella an einer jungen Rute. Die Infektion ging von einer Knospe aus, in der durch anhaltende Feuchtigkeit Sporen keimen konnten.
Der Pilz Didymella an einer jungen Rute. Die Infektion ging von einer Knospe aus, in der durch anhaltende Feuchtigkeit Sporen keimen konnten.
Zum folgenden Jahr hat sich die Rinde aschgrau verfärbt und winzig kleine dunkle Pusteln geben Sporen ab. Die Knospe ist nicht ausgetrieben.
Zum folgenden Jahr hat sich die Rinde aschgrau verfärbt und winzig kleine dunkle Pusteln geben Sporen ab. Die Knospe ist nicht ausgetrieben.
Bei dem einen Pilz handelt es sich um den Pilz Didymella applanata (es gibt keinen deutschen Namen!), der rund um die Augen an der Rute anfänglich violette, später braun werdende Flecken bildet. Aber auch Beschädigungen und Risse der Rinde können den Sporen das Keimen ermöglichen. Das vom Pilz durchzogene Gewebe unserer Pflanze stirbt ab und die Knospen treiben nicht mehr aus.

Im folgenden Frühjahr werden unter der dünnen Rinde winzig kleine schwarze Pünktchen sichtbar, aus denen bei ausreichender Feuchtigkeit riesige Mengen von Sporen austreten und durch Regen in die neu entstehenden Knospen und Risse eindringen. Damit schließt sich der Kreis.

nach obenLeptosphaerica coniothyrium

Der andere nicht minder gefährliche Pilz treibt sein Wesen im Verborgenen: Er lebt am unteren Ende der Rute, begünstigt durch anhaltende Feuchtigkeit, die die Rinde aufweicht. Ebenfalls ohne deutschen Namen: Leptosphaerica coniothyrium. Auch er dringt durch keimende Sporen ein, verbreitet sich dort und kann die ganze Rute zum Absterben bringen. Das morsche Gewebe springt auf und man findet dunkelbraune krustenartige Fruchtkörper, aus denen wiederum Sporen freigesetzt werden.

nach obenBotrytis cinerea

Die Fruchtkörper des Botrytispilzes brechen durch die Haut, die Knospen treiben nicht oder nur schwach aus.
Die Fruchtkörper des Botrytispilzes brechen durch die Haut, die Knospen treiben nicht oder nur schwach aus.
Der Dritte im Bund ist der uns allen bekannte Fäulniserreger Botrytis cinerea, Verursacher diverser Fäulen an Früchten und anderen pflanzlichen Geweben. Er tritt durch Schadstellen der jungen Rinde ein und verursacht braune Stellen, um die kreisförmig farblich wechselnde Zonen entstehen. Die Sporen entstehen auf wenige Millimeter langen schwarzen Erhebungen, die im Frühjahr aus der Rinde hervorbrechen. An der Rute ist dieser Pilz von geringerer Bedeutung, kann aber das Austreiben der fruchtenden Seitentriebe verhindern.

nach obenHimbeerrutengallmücke

Junge Rute mit aufgerissener Rinde und Fraßstellen der Maden der Himbeerrutengallmücke.
Junge Rute mit aufgerissener Rinde und Fraßstellen der Maden der Himbeerrutengallmücke.
Das genannte Insekt ist die Himbeerrutengallmücke – nicht zu verwechseln mit der Himbeergallmücke. Sie schädigt durch ihren Fraß die Pflanze nur unbedeutend, aber durch die Verletzungen der Korkschicht schafft sie wiederum die Eintrittsmöglichkeit für genannte Pilze.

Die Mücke verlässt im Frühjahr den Überwinterungsort bei Temperaturen von über 22 °C und sucht sich Verletzungen in der Rinde, um dort ihre Eier abzulegen. Die anfänglich glasklaren Maden fressen das Korkgewebe. Kurz vor der Verpuppung verfärben sie sich orangerot. Ihre Größe ist so unbedeutend, dass sie kaum gesehen werden. Mehrere Generationen folgen im Laufe eines Sommers. Verblüffend ist die Regelmäßigkeit, mit der die Mücke mit den genannten Pilzen auftritt.

nach obenStandort und Witterung

Blicken wir einmal auf den natürlichen Standort der Himbeere. Sie wächst am Waldrand, dort wo nach Niederschlägen durch Luftbewegung und Sonne die Ruten am ehesten wieder abgetrocknet sind. Da sammeln sich durch Wind und Wasser das Laub und die Nadeln der Bäume. Das bedeutet:
  1. Eine Humusschicht, die Schwankungen der Bodentemperatur ausgleicht.
  2. Die oberflächlicne Verdunstung der Bodenfeuchtigkeit wird weitgehend verhindert, nur die Pflanze verdunstet sie.
  3. Die Luftbewegung ist am Waldrand nicht nur durch den Wind sondern auch durch die Thermik besonders ausgeprägt.

Zurück in unseren Garten

So versuchen wir das optimale Klima nachzuvollziehen, fördern das Wachstum und verhindern damit zugleich einen beachtlichen Infektionsdruck:

  • Stellen wir die Himbeerreihe frei, sodass ausreichend Luftbewegung die Oberfläche der Pflanze schnell wieder abtrocknen kann. Das behindert die Sporen feuchteliebender Pilze beim Keimen. Der Reihenabstand sollte mindestens so weit sein wie die Himbeere im Herbst hoch ist.
  • Schaffen wir eine Bodendecke aus Rohhumus, z. B. Stroh, Laub, Schreddermaterial, (aber nicht Rasenmahd!), so verhindern wir Schwankungen der Bodentemperatur und verhindern dadurch Wachstumsstockungen, die wiederum Risse in der Rinde verursachen. Mücken bekommen keine Chance die Eier abzulegen und Sporen keine zum Keimen.
  • Diese Abdeckung sollte beidseitig etwa einen Meter breit sein, dann verhindert sie eine ungenutzte Verdunstung der Bodenfeuchtigkeit. Feuchtigkeitsbedingte Wachstumsschwankungen und damit Risse werden weitgehend vermieden.
  • Selbstverständlich wird diese Abdeckung alljährlich ergänzt. Aber: Wie bei allen guten Dingen sollte man auch hier maßhalten, denn zu viel Humus kann nach mehreren Jahren zu einer Stickstoffexplosion führen. Die Folge wäre mangelnde Ausreife der Ruten zum Winter.

Genaues Hinsehen zeigt, dass das Nachpflanzen auf befallenen Stellen nicht erfolgreich sein kann.
Himbeerrutensterben - Ursachen und Bekämpfung
So aromatisch! Und so gesund! Himbeeren sind ­heimisches Superfood – und auch bei Kindern ein Hit!
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Hier ein Beispiel guter Abdeckung mit Stroh: Unnötige Verdunstung wird verhindert, Feuchtigkeit und Bodentemperaturen bleiben konstant und Unkräuter keimen kaum.
Himbeeren - Ursachen für die Ausfälle im Jahr 2009

Schlagworte dieser Seite:

Botrytis cinerea, Didymella applanata, Himbeere, Himbeerrutengallmücke, Himbeerrutenkrankheit, Leptosphaerica coniothyrium, Standort, Standortanspruch, Witterung

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