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"Apfelsorten-Reise" durch die letzten Jahrzehnte

Januar 2004 Hat nicht jeder von uns eine besondere Erinnerung im Zusammenhang mit Obstbäumen aus seiner Vergangenheit? Zu Beginn der Apfelernte zog ein Gemeindeangestellter mit einer Trittleiter auf der Schulter vor den Ort, wo die Apfelbäume die Landstraße säumten. Unter jedem stieg er ein paar Sprossen hinauf und begann mit lauten Worten etwas über die Sorte zu berichten. Die umstehenden Zuhörer, mit Handwagen, Leitern, Körben und Kisten ausgerüstet, folgten seinen Worten. Gelegentliche Bemerkungen aus der Menge erregten Heiterkeit. Nachdem man sich über den Preis der Apfelernte des jeweiligen Baumes geeinigt hatte, zog der Trupp weiter und der neue Besitzer der Ernte begann zu pflücken. Wir als Jungen kannten die Bäume mit den wohlschmeckensten Früchten. An ihnen war zum Zeitpunkt der Versteigerung meist nicht mehr viel dran.


Aber auch die Namen waren uns bekannt. So gab es einen 'Prinzenapfel', wohl wegen seiner ausgefallenen Form auch Hasenkopf genannt, der am Baum beinahe genussreif wurde. Nur wenige Äpfel davon auf der Obstschale erfüllten das Zimmer mit ihrem eigenartigen Aroma.

Besonders große weitausladende Bäume machte 'Baumanns Renette', zur Pflückreife grüngrau, meist mit roter, leicht geflammter Backe. Im November aber sah sie goldgelb aus, mit feinen dunklen Lentizellen bedeckt. Der Frucht recht ähnlich war die 'Harberts Renette' ein ebenfalls sehr großkroniger Baum.

Weit verbreitet war die aus Belgien stammende 'Coulon Renette' mit der unansehnlichen graubraunen Schale. Der starkwachsende Baum bildet eine typische breit ausladende Krone, auf der immer wieder Jungtriebe erscheinen und sich dann später durch den Behang neigen.

Sehr geliebt wegen seines Aromas war der 'Gelbe Richard'. Der glockenförmige hell gelbgrüne, später gelbe Apfel war nur schwer von den sehr aufrecht wachsenden Kronen herunter zu bekommen. Anscheinend war er ein fauler Träger, denn an volle Bäume kann ich mich nicht entsinnen.

Auch der 'Boskop' in seiner ursprünglichen eher grünen Form war verbreitet. Als Hochstamm auf Sämlingsunterlage waren es Prachtexemplare, Persönlichkeiten unter den Apfelbäumen. Besonders als Winteräpfel beliebt, als Schmoräpfel mit Vanillesoße von uns Kindern geschätzt.

Weit verbreitet war die 'Landsberger Renette', einfarbig gelbgrün am Baum, später gelb und wachsig. Die Ansprüche an den Standort schienen gering, denn sie kam auch auf den leichtesten Böden vor. Ihre Krone war flach und breit, ein Kennzeichen dieser Sorte. Geschmacklich war sie nicht besonders beliebt, aber die Ertragssicherheit war wohl entscheidend für den Anbau.

Außen unansehnlich – innen aromatisch: 'Celler Dickstiel'.
© v. Soosten
Außen unansehnlich – innen aromatisch: 'Celler Dickstiel'.
'Krügers Dickstiel', bei uns 'Celler Dicksiel' genannt, war ein eher kleiner plattrunder fahlgrüner Apfel, der von einer grauen Benetzung überzogen war. Charakteristisch und namensgebend der dicke fleischige Stiel. Sein ausgeprägtes Aroma war der Grund für seine Beliebtheit. Auf dem Lager begann er sehr bald schrumpfelig zu werden. Das feine lange Fruchtholz ließ die Kronen fast undurchdringlich werden. Seine Nachteile: Ausgeprägte Alternanz und Mehltauanfälligkeit.

nach obenGroße und kleine Bäume

Die alte Sorte 'Gravensteiner' in der modernen Form 'Roter Gravensteiner'
© v. Soosten
Die alte Sorte 'Gravensteiner' in der modernen Form 'Roter Gravensteiner'
Als Inbegriff eines Apfelbaumes galten die mächtigen Kronen des 'Gravensteiners', dessen rotgestreifte, kantige Früchte im frühen Herbst beliebt waren. Heute gibt es den 'Roten Gravensteiner' vorwiegend von kleinkronigen Bäumen auf der Unterlage M 9.

Unter den frühreifenden Sorten kannte man natürlich den August- oder 'Weißen Klar-Apfel'. Die Bäume wurden selten groß, denn Obstbaumkrebs und Mehltaubefall waren stets vorhanden. Seine ausgeprägte Neigung zur Alternanz, die Stippe und das kurze "shelflive" waren wohl die Ursache für nur wenige Bäume.

Kleine Bäume und kleine Kronen machte auch der 'James Grieve'. Ihm sagten die Hausfrauen nach, er sei ihr liebster Apfel in der Küche. Und den Anbauern war er wegen seiner Ertragssicherheit sympathisch. Kaum eine andere Sorte galt als so widerstandsfähig gegen Kälte in der Blüte wie diese, obwohl Deformationen unübersehbar waren.

Noch heute häufig zu finden: 'Roter Münsterländer'
© v. Soosten
Noch heute häufig zu finden: 'Roter Münsterländer'
Die Zeit des Nationalsozialismus brachte eine neue Welle des Anbaus: Die "Ernährungsschlacht" musste geschlagen werden. In diesem Sinne veranlasste man bei den Landwirten das Aufpflanzen der hofnahen Viehweiden mit hochstämmigen Obstbäumen. Über dem Vieh konnten ja Früchte wachsen. So wurden Sorten empfohlen, die auf Hochstämmen reiche und sichere Erträge brachten. Aus dieser Zeit findet man noch heute den Gelben und 'Roten Borsdorfer' oder auch 'Münsterländer', kleinfrüchtige, gelbe bzw. rote oft berostete Früchte, die eher zur Mostgewinnung taugen. Die Kronen sind auf guten Standorten halbkugelartig und dicht, die Stämme erreichen beachtliche Umfänge.

Der 'Dülmener Rosenapfel' galt als zuverlässiger Träger, seine geschmacklichen Werte gingen aber nicht über die eines Mostapfels hinaus. Sein Bekanntheitsgrad könnte mit der vermuteten Verwandtschaft zum Gravensteiner zusammenhängen, denn oft wurden beide Namen im Zusammenhang genannt.

nach obenHässlich, aber schmackhaft

'Minister von Hammerstein'
© v. Soosten
'Minister von Hammerstein'
Zu den geschmacklich besseren Sorten zählte 'Minister von Hammersten', eine vor der damaligen Jahrhundertwende in Geisenheim selektierter Sämling aus der 'Landsberger Renette'. Die eher hässlich aussehende Frucht war geschmacklich etwas Besonderes. Der Baum bildete eine schirmförmige Krone.

Auffallend in Farbe und Form war der 'Ontario': Glattschalig und grobkantig, ein verwaschenes Grün bis Blaugrün, das sich erst sehr spät im Winter hellgelb färbte. Auf der Sonnenseite ein dunkles Karmin, unterbrochen von hellen Punkten. Die lederartige Schale war wohl der Grund für die lange Haltbarkeit, denn er schmeckte erst, wenn alle anderen Äpfel weg waren.

Zu den ganz späten zählte auch der 'Glockenapfel'. Hellgelb, nur ganz selten ein Hauch Karmin. Seine Fruchtform gab ihm wohl den Namen. Die Baumkrone war hoch und meist schmal, so dass das Pflücken nicht angenehm war. Im Herbst wegen der Säure kaum zu essen, im Frühjahr aber deswegen erfrischend.

'Finkenwerder Herbstprinz', eine wohlschmeckende Wintersorte
© v. Soosten
'Finkenwerder Herbstprinz', eine wohlschmeckende Wintersorte
Ebenfalls glockenähnlich die Form des 'Finkenwerder Herbstprinz'. Auch er war erst in der zweiten Winterhälfte beliebt. Ein treffliches Aroma, aber stets leicht schrumpfelig. Die Grundfarbe war Grün, bei Genussreife Gelb mit einer feinen karminfarbenen Marmorierung.

Im Holsteinischen hatte der 'Martini' eine gewisse Verbreitung. Er war recht klein, grünlichgelb, später gelb, oft mit einer feinen Berostung.

Schwächer wachsend war die 'Zuccalmaglios Renette', eine nur mittelgroße Frucht, hellorangerot auf gelber Grundfarbe mit wenigen markanten Punkten. Sie war wegen des angenehmen unaufdringlichen Aromas beliebt. Man sah dem Baum von weitem seinen Kampf gegen den Krebs an.

Viele Jahre lang galt die 'Goldparmäne' als wertvoller Herbst- und Winterapfel.
© v. Soosten
Viele Jahre lang galt die 'Goldparmäne' als wertvoller Herbst- und Winterapfel.
Weitaus problematischer war der damalige Gesundheitszustand der 'Goldparmäne'. Sie war wegen ihres Geschmacks beliebt, aber gefürchtet wegen der Krankheiten und Schädlinge: Krebs, Mehltau, Schorf und Blutlaus. Die Fruchtgröße war schon für den damaligen Markt zu klein, denn die schwachwachsenden Unterlagen, die die größeren Früchte brachten, waren in der Praxis noch nicht verbreitet.

'Jakob Lebel', eine bekannte Sorte, die aber nur zur Verarbeitung diente.
© v. Soosten
'Jakob Lebel', eine bekannte Sorte, die aber nur zur Verarbeitung diente.
Als reine Wirtschaftssorte war 'Jakob Lebel' weit verbreitet. Die plattrunden großen Früchte saßen meist von Laub gedeckt und waren nur seiten leicht rot gestreift. Sie stammte ursprünglich aus der Gegend von Amiens, Frankreich.

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