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WDVS: Pro & Contra

Juni 2013 Die Bundesregierung hat beschlossen, bis 2050 den Primär-Energiebedarf von Gebäuden um 80 Prozent zu senken. Um dies zu erreichen, ist es vor allem erforderlich, die Energie-Effizienz zu erhöhen. Als erster Meilenstein ist die Reduzierung des Wärmebedarfs bis zum Jahre 2020 um 20 Prozent vorgesehen. Eine erhöhte Sensibilisierung für energetische Sanierungen kann erreicht werden, mit detaillierten Heizkosten-Abrechnungen, weiterentwickelten Energie-Ausweisen und mit der besseren Vermittlung der Vorteile thermischen Komforts in sanierten Gebäuden. Wir lassen hier zwei Fachmänner mit Pro und Contra WDVS zu Wort kommen.


Pro WDVS: von Manfred Rauschen, Geschäftsführer Öko-Zentrum NRW, Hamm
© 2007 Andreas Rother, Fotograf, Werne
Pro WDVS: von Manfred Rauschen, Geschäftsführer Öko-Zentrum NRW, Hamm

nach obenPro WDVS: Die Dämmsysteme haben sich bewährt

Das Öko-Zentrum NRW GmbH ist ein Unternehmen, das neben Schulungen für Planer und Handwerker zu energiesparendem Bauen und Sanieren auch selbst Energieberatungen für Hausbesitzer durchführt. Dabei ist neben einer Erneuerung der Heizungsanlage auch immer die Dämmung der Gebäudehülle ein wichtiges Thema.

Dies betrifft nicht nur Gebäude, die vor der Einführung der Wärmeschutzverordnung 1977 gebaut wurden und die meist nur den so genannten Mindestwärmeschutz erfüllen:

Vom Bund gefördert werden Vor-Ort-Beratungen durch fachkundige und unabhängige Energieberater auch für Wohngebäude, für die bis Ende 1994 der Bauantrag gestellt wurde.

Anhand der am Gebäude aufgenommenen Daten werden von den Energieberatern verschiedene Modernisierungs-Varianten hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit untersucht. Die Dämmung der Außenwände ist dabei eine Möglichkeit, um den Heizenergieverbrauch zu senken und den Komfort zu erhöhen. Je besser die Außenwände gedämmt sind, desto wärmer sind auch die Innenseiten: Zugerscheinungen und "Frösteln" durch kalte Außenwände werden so vermieden.

Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) haben sich dafür seit etwa 50 Jahren in vielen technischen Varianten bewährt. Neben den meist eingesetzten Dämmstoffen Mineralwolle und Polystyrol können auch Holzfaser- oder Mineralschaumdämmplatten verwendet werden.

Viele Studien belegen, dass die Energieeinsparungen durch die Fassadendämmung die Kosten der Dämmmaßnahmen wirtschaftlich übertreffen. Auch wenn dafür – je nach angenommener Energiepreissteigerung – 20 bis 30 Jahre erforderlich sind, amortisieren sich diese Investitionen in der Regel innerhalb der Lebensdauer des Wärmedämmverbundsystems. Schön, wenn zusätzlich zu Modernisierung und Komfortgewinn noch ein bisschen Geld einzusparen ist.

Energetische Konzepte müssen aber immer für das jeweilige Gebäude entwickelt werden, um die passende Lösung zu finden.

Auch gemäß dem Leitbild des nachhaltigen Bauens sind verschiedene Ziele wie ökologische, ökonomische, technische und gestalterische Qualitäten zu berücksichtigen und abzuwägen. Bei der Auswahl der geeigneten Konstruktionen und der Baustoffe gehören dazu auch Aspekte wie Bauteilanschlüsse, Schallschutz, Brandschutz und die Vermeidung von Algenbildung auf WDVS durch entsprechende Putzdicken und Putzrezepturen. Ganz zuletzt die Frage: Wie wohnen eigentlich die Mitarbeiter des Öko-Zentrums NRW?

Auch hier sind die Antworten vielfältig: Ich habe ein Reihenendhaus aus den 1970er Jahren energetisch modernisiert, mit neuem Heizkessel, Wärmedämm-Verbundsystem und Jalousien als Sonnenschutz. Der sehr hohe Heizölverbrauch und Schimmelpilze an den kalten Außenwandecken gehören damit der Vergangenheit an.

Andere Beispiele sind ein Altbau aus den 1930er Jahren, wo ein WDVS aus gestalterischen Gründen nur an der Giebelwand angebracht werden konnte, und ein Gebäude aus den 1950er Jahren, wo der Hohlraum zwischen den Außenwänden mit einer Kerndämmung aus Perliten ausgefüllt wurde. Hier werden vor allem die Auswirkungen im Sommer gelobt: Auch bei mehreren Wochen mit über 25 °C bleibt es innen durch Dämmung und Nachtlüftung angenehm kühl.

Weitere Mitarbeiter mit Kindern haben Einfamilienhäuser als Effizienzhäuser gebaut – also mit geringerem Energiebedarf als gesetzlich gefordert – in Holz-Rahmenbauweise mit Zellulose-Dämmung und Nutzung von Solarthermie. Und natürlich wohnt ein Großteil der etwa 20 Mitarbeiter auch zur Miete – eine Mitarbeiterin ist beispielsweise vor kurzem aus einer ungedämmten Dachgeschoss-Wohnung aus den 1950er Jahren in ein Mehrfamilienhaus mit Klinkerfassade und Steinwolle-Dämmung gezogen. "Im Winter trägt man ja auch lieber einen warmen Mantel statt der Sommerjacke."

Contra WDVS: Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen
© Klein & Vogeler, Standort-Agentur
Contra WDVS: Hartmut Miksch, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

nach obenContra WDVS: Baulicher Klimaschutz – ein Gesamtsystem!

Der bauliche Klimaschutz ist zweifellos eine der zentralen Aufgaben, vor denen wir in Deutschland aktuell stehen. Im Sinne der nachfolgenden Generationen müssen wir alles daran setzen, den erheblichen Verbrauch von Primärenergie durch die Beheizung und Klimatisierung von Gebäuden drastisch zu reduzieren. Neben der Erneuerung der Heizungsanlagen bedarf es dazu umfassender technischer, aber auch städtebaulicher Konzepte.

Wenn man sich gegenwärtig in unseren Städten umsieht, könnte man allerdings eher den Eindruck gewinnen, dass sich der Klimaschutz im Gebäudebestand auf ein rein technisches Verfahren reduziert: Dämmung unter Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS). Der großflächige Einsatz nur dieser einen Dämmtechnik birgt erhebliche Gefahren.

Kritisch zu diskutieren sind vor allem folgende Fragen an Wärmedämmverbundsysteme: Wie viel Rohstoff und wie viel Energieeinsatz kostet die Produktion des Materials? Wie langlebig sind WDVS? Welche hausklimatischen Folgen hat die nahezu vollständige Isolierung der Außenwände von Wohnhäusern? Wie kann das Material nach Ablauf seiner Lebenszeit rückgebaut und recycelt werden? (Nicht zu Unrecht müssen wir wohl gegenwärtig davon ausgehen, dass mit der Wärmedämmung mit WDVS jede Menge Sondermüll an die Fassaden geklebt wird.)

Wichtiger ist mir als Architekt aber die Frage nach den langfristigen städtebaulichen Folgen des umfassenden WDVS-Einsatzes: Schon heute gibt es viele Beispiele für Wärmedämmungen, die aus Sicht von Architekten und Stadtplanern verheerende Folgen für das einzelne Bauwerk, für den Stadtraum und die städtebauliche Qualität insgesamt zeitigen. Wenn nicht nur alte Putzfassaden, sondern zunehmend auch aufwändig gestaltete Häuserfronten der Gründerzeit und des Jugendstils sowie Stadtbild prägende Ensembles mit Backsteinfassaden hinter Styroporplatten verschwinden, ist es höchste Zeit, inne zu halten und nach den Folgen des WDVS für die Baukultur in unserem Land zu fragen. Denn hohe architektonische und städtebauliche Qualitäten sind nicht nur als "weicher Standortfaktor" im Wettstreit der Städte und Ballungsräume in Europa anerkannt, sondern führen auch für uns alle zu mehr Lebensqualität!

Wir müssen dazu kommen, auch das gemeinsame Ziel der energetischen Optimierung unseres Gebäudebestandes ganzheitlich zu betrachten – weg vom Einzelbauwerk, hin zum Quartier. Energetisch effiziente Siedlungsstrukturen zeichnen sich durch eine optimale Abstimmung der Gebäude mit den Versorgungsstrukturen aus. Nur zwei Beispiele: Einfamilienhaussiedlungen sind wegen größerer Dachflächen besonders für Solarnutzungen und den Passivhausstandard geeignet. Eine baulich dichte gründerzeitliche Blockrandbebauung bietet dagegen besonders gute Voraussetzungen für effiziente Versorgungssysteme wie z. B. eine Kraftwärmekopplung.

Es ist unverzichtbar, den Prozess der energetischen Stadterneuerung auf der Grundlage von übergreifenden Konzepten zu organisieren. Dabei müssen auch quartiersbezogene Ausgleichsberechnungen möglich sein: Wer in einer Siedlung den Großteil der Gebäude energetisch deutlich verbessert, kann auch akzeptieren, dass einige Bauwerke – vor allem Stadtbild prägende Häuserzeilen und Baudenkmäler – auf energetisch suboptimalem Stand verbleiben. Darüber hinaus gilt es, die bautechnische Forschung in diesem Bereich zu intensivieren.

Für rund zwei Drittel des nordrhein-westfälischen Wohnungsbestandes besteht ein umfassender energetischer Sanierungsbedarf. Diese Bauwerke stammen aus über 100 Jahren, mithin aus unterschiedlichen Epochen, und sie wurden mit den verschiedensten Materialien und Techniken realisiert. Wer diesen riesigen Gebäudebestand energetisch optimieren will, braucht nicht nur viel Geld (rund 90 Milliarden Euro allein in NRW), sondern auch Zeit. Wärmedämmung mit WDVS ja, nämlich dort, wo sie sinnvoll und effizient ist. Das ist in der Regel eine Einzelfallentscheidung, die gut durchdacht sein will. Übereilter Aktionismus hat dem Städtebau noch nie gut getan.

Wichtig ist, nicht einzelne Techniken isoliert anzuwenden, sondern das Gebäude und die Quartiersstruktur als Gesamtsysteme zu betrachten. Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner stehen mit ihrem Fachwissen für den notwendigen Sanierungsprozess gerne zur Verfügung.


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Querschnitt durch das WDVS (v.l.n.r.): 1. Verklebung, 2. Dämmung, 3. Armierungsmasse, 4. Armierungsgewebe, 5. Oberputz
Energie sparen: Fassaden-Dämmung
Altbauten: Der Weg zum Erfolg

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Alternative Energien, Beratung, Energieberater, Energieeinsparung, Energieeinsparungsverordnung, Förderung, Sanierung, WDVS, Wärmedämm-Verbundsystem, energiesparen

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