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Hornissen: Wehrhafte Jäger und Sammler aus dem Reich der Insekten

Hornisse
© Wimmer, Norbert
Hornisse

August 2006 "Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt sich’s ganz ungeniert." Hornissen würden sich freuen, würde dieser Spruch auch auf ihre Spezies angewandt und würde der Mensch sie in Frieden leben lassen. Leider haben sich aber Vorurteile gegenüber Hornissen in den Köpfen vieler Menschen so stark eingeprägt, dass noch immer ihre Nester im Umfeld von Siedlungen und Gärten zerstört werden, obwohl diese Art besonders geschützt ist. Selbst in einem namhaften deutschen Lexikon findet man unter Hornissen neben den Längenangaben von Königin, Arbeiterin und Drohne lediglich die Information, dass die Nester in der Erde, auf Dachböden oder in hohlen Bäumen zu finden sind und ohne weiteren Kommentar, dass sie schädlich seien.


Dabei ist längst bewiesen, dass Hornissenstiche wesentlich ungefährlicher sind als etwa Bienenstiche, da das Gift der Hornissen eine viel geringere Konzentration aufweist als das der Honigbiene. Diese unterschiedliche Giftkonzentration lässt sich ganz plausibel erklären. Da in den Nestern der Honigbienen große Vorräte an Honig lagern, die seit Urzeiten von einer ganzen Reihe von Wirbeltieren wie Dachsen und Braunbären sowie dem Menschen heiß begehrt sind, musste die Honigbiene ein hochwirksames Gift entwickeln, das bei den Räubern einen nachhaltig unangenehmen Eindruck hinterläßt.

Dagegen sind Hornissen Insektenjäger, die große, sich heftig wehrende Beutetiere wie Libellen oder Schmetterlinge mit einer genau dosierten Giftinjektion töten. Der glatte Stachel wird sofort nach Gebrauch wieder eingezogen. Dagegen ist der Stachel der Honigbiene mit Widerhaken versehen und bleibt einmal eingestochen im Opfer fest verankert. Dies führt dazu, dass die Biene einen Teil ihres Hinterleibes mitsamt der Giftblase abreißt, diese sich dadurch vollständig in das Opfer entleeren kann und somit bei weitem mehr Gift injiziert wird als dies beim Stich einer Hornisse der Fall ist. Da Bienenvölker eine bei weitem höhere Zahl von Arbeiterinnen (bis zu 80.000 Tiere) haben als Hornissenvölker mit nur maximal 800 Arbeiterinnen fällt es nicht ins Gewicht, dass die Arbeiterinnen der Honigbiene nach dem Stich verenden.

Das fragwürdige Attribut "schädlich" aus dem bereits erwähnten Lexikon bezieht sich vermutlich auf eine faszinierende Art des Nahrungserwerbs der Hornissenarbeiterinnen. Fertig entwickelte Arbeiterinnen ernähren sich hauptsächlich von Kohlehydraten in Form verschiedener Zuckerarten. Die Arbeiterinnen brauchen für ihre verschiedenen Aufgaben wie Jagd- und Sammelflüge, Nestbau und Versorgung der Brut nur möglichst viel Energie. Woher bekommen die Hornissen aber diese Kohlehydrate schnell und ohne viel Aufwand?

Nahaufnahme einer saftschleckenden Hornisse an Ringelstelle
© Wimmer, Norbert
Nahaufnahme einer saftschleckenden Hornisse an Ringelstelle
Ein kurzer Ausflug in die Schulbiologie bringt auch hier die Erklärung: Bäume und Sträucher erzeugen, wie alle grünen Pflanzen, in ihren Blättern mit Wasser und den darin gelösten Mineralsalzen sowie Kohlendioxid aus der Luft mit Hilfe von Sonnenlicht Zucker – die sogenannte Photosynthese. Dieser Zuckersaft wird von den Blättern durch Bahnen in der Bastschicht entlang der Äste und des Stammes zu allen Teilen des Baumes geleitet und dort in Wurzeln, Holz, Blüten oder Samen umgebaut. Hornissen suchen deshalb gerne "blutende" Laubbäume mit Rindenverletzungen auf, da dieses "Blut" nichts anderes als der erzeugte Zuckersaft ist.

Wenn keine solchen Bäume zu finden sind, helfen sich die Hornissen selber, indem sie diesen Nährstoffluss aktiv anzapfen. Dazu benagen sie mit ihren kräftigen Kiefernzangen die Bastschicht von jungen Zweigen, unterbrechen so die Saftleitungsbahnen und gelangen auf diese Weise an die kalorienhaltige Zuckerlösung. Bevorzugte Gehölzarten sind Esche, Birke, Weide und Flieder. Hornissen nutzen in geringerem Maße auch Blütennektar, vergärendes Fallobst sowie die Ausscheidungen von Blattläusen als Zuckerquelle. Im Gegensatz zu anderen Wespenarten werden sie aber nicht durch zuckerhaltige Nahrungsmittel wie Kuchen oder Limonade angelockt.

nach obenDie Königin beginnt mit dem Nestbau

Für die Anfang Mai aus ihrer Winterruhe erwachenden Königinnen ist Baumsaft ebenso die erste Nahrungsquelle. Sie gehen aber auch auf Insektenjagd, da sie Eiweiß benötigen, um ihre Eierstöcke zu aktivieren und Eier zu erzeugen. Nur die im Herbst begatteten Königinnen haben den Winter in einem frostfreien Versteck überdauert und müssen erst einmal sämtliche Arbeiten selbst erledigen.

Nachdem eine Höhle oder ein sonstiger trockener Hohlraum gefunden ist, beginnt die Königin mit dem Nestbau. Dazu schabt sie mit ihren Kieferzangen morsches Holz ab, speichelt es ein und formt es zu einem Bällchen, das sie dann zum Neststandort transportiert. Dort baut sie die ersten sechseckigen Wabenzellen und legt je ein Ei in jede Zelle. Nach etwa einer Woche entwickeln sich aus den Eiern die Larven und werden nun von der Königin mit Nahrung versorgt.

Hornisse mit erbeutetem Schmetterling
© Wimmer, Norbert
Hornisse mit erbeutetem Schmetterling
In dieser Zeit muss sie sich und ihre Brut mit Nahrung versorgen. Sie besteht neben Baumsäften aus den Bruststücken verschiedenster Insektenarten wie Fliegen, Spinnen, Wespen aber auch Schmetterlingen und Großlibellen, die meist im Flug erbeutet werden. Mit einem Genickbiss wird die Beute getötet, dann werden Flügel, Kopf und Hinterteil abgetrennt und das übrigbleibende, nahrhafte Bruststück grob durchgekaut und zu gut transportablen Bällchen geformt. Bis zu einem Pfund an verschiedensten Insekten können so von einem großen Volk pro Tag erbeutet werden. Erst wenn Anfang Juli die ersten Arbeiterinnen schlüpfen und die Jagd- und Nestbautätigkeit übernehmen, kann die Königin im Nest bleiben und sich auf Brutfürsorge und Eiproduktion beschränken.

Die fast vier Zentimeter lange Königin und ihre Gehilfinnen übernehmen von heimkehrenden Arbeiterinnen die Beute und verfüttern sie an die Larven, die durch deutlich hörbares Kratzen an den Zellwänden, zur Beschaffung neuer Nahrung animieren. Andere Arbeiterinnen kommen mit kleinen Bällchen aus Zellulose in das Nest und bauen an Zellwaben oder der Außenhülle weiter. Bis zu zwölf Wabenetagen mit über 3.000 Zellen können so im Lauf des Sommers entstehen. Während warmer Tage herrscht im Nest ein reges Treiben. Die ersten Wabenzellen sind schon mit einem Seidendeckel überzogen, unter dem sich die Larven verpuppt haben und aus der nach zwei Wochen weitere Arbeiterinnen schlüpfen werden. Die Hälfte aller Arbeiterinnen wird jedoch nicht älter als zehn Tage, nur die wenigsten leben länger als vier Wochen.

nach obenHornissen als Klimaanlage

Am Nesteingang fächelnde Hornisse
© Wimmer, Norbert
Am Nesteingang fächelnde Hornisse
Ein besonders faszinierendes Verhalten zeigen Hornissen an kühlen, regnerischen Tagen. Dann bleiben die meisten Arbeiterinnen im Nest und werden von den Larven mit Futtertröpfchen versorgt. Mit diesem lebenden Futterreservoir können auch längere Schlechtwetterperioden überdauert werden.

Hornissen können ihre Brustmuskulatur ohne Flügelschlagen betätigen und dadurch Wärme erzeugen. Damit halten sie die Temperatur im Nestinneren auf etwa 30 °C. Hornissen kühlen aber bei Bedarf auch die Waben, indem sie Wasser auf die Oberfläche aufbringen, es durch Flügelschwirren zum Verdunsten bringen und so Verdunstungskälte erzeugen. Flügelschwirrende Hornissen entdecke ich während meiner Fotoarbeiten ebenfalls an heißen Sommertagen am Eingang des Nestes. Vermutlich gelangt so frische Luft in das durch die Schutzhülle abgeschirmte Nest.

Im Spätsommer, zur Zeit der größten Volkstärke, sind Hornissen relativ angriffslustig. Stellt man sich dann direkt in die Flugbahn eines Nesteinganges, kann es durchaus passieren, dass man plötzlich von mehreren Hornissen umschwirrt wird. Dies sollte man als eindeutige Warnung verstehen. Hilft das nicht, ist ein Angriff nicht ausgeschlossen.

Zum Ende des Sommers werden größere Waben in den unteren Stockwerken des Nestes angelegt. Dort wachsen die Männchen und die neuen Königinnen heran. Die jungen Königinnen bleiben noch eine Weile im Nest, um sich Fettreserven anzufressen und so die bevorstehende Winterruhe optimal überstehen zu können. Nach dem Ausfliegen paaren sie sich mit den männlichen Drohnen und speichern deren Sperma in einer speziellen Körperblase. Schon bald suchen sie ihr Winterquartier auf, um dann im nächsten Jahr den Kreislauf fortzuführen und ganz allein auf sich gestellt einen neuen Staat zu gründen.

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Schlagworte dieser Seite:

Biene, Honigbiene, Hornisse, Insekten, Photosynthese

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Diesen Artikel kommentieren (1)

1
|
15. Oktober 2011

de-ing

Ein sehr realistischer, interessanter Artikel; die Angaben können wir nur bestätigen. In unserem Garten haben sich die Hornissen in einer am Gartehaus aufgehängten Lautsprecherbox eingenistet und konnten den ganzen Sommer über uneingeschränkt beobachtet werden. Momentan sieht man nur noch selten ein Tier; das Nest, dem schon von außen die kunstvolle Struktur anzusehen ist, bröckelt leider nun von außen nach innen ab.
Eine Innenansicht -wann?- wäre schon sehr interessant, Beschädigungen ließen sich dabei vermutlich nicht vermeiden. Wenn man nur wüßte, wann es im Nest kein "Leben" mehr gibt

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