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Sozialer Wohnungsbau

Mai 2003 Nistkästen in unseren Gärten sind im Frühjahr ein wundervolles Beobachtungsobjekt. An ihnen lassen sich Kohl- und Blaumeisen aber auch Stare und Sperlinge beim Eintragen von Nistmaterial und beim Versorgen ihrer Jungen sehr schön beobachten. Als kleine Gegenleistung für dieses Naturerlebnis vor unserer Haustür reinigen wir dann die Kästen im Herbst von den alten Nestern, um unseren gefiederten Freunden wieder eine saubere Wohnung für das nächste Frühjahr bereit zu stellen.


Wie aber funktioniert dieser Wohnungsservice in unberührten Wäldern, zumal es dort noch viel mehr Tierarten gibt, die auf Höhlen als Unterschlupf oder Brutmöglichkeit angewiesen sind. Manche Höhlen oder Spalten entstehen zwar zufällig indem Bäume vom Sturm gebrochen werden oder allmählich ausfaulen. Doch dieses Höhlenangebot wäre viel zu sehr dem Zufall überlassen und letztendlich bei weitem nicht ausreichend, um der ganzen Schar von höhlenbrütenden Vögeln und anderen in Höhlen wohnenden Tierarten unserer heimischen Wälder ein Zuhause zu bieten. Für den großen Bedarf an Höhlen in der Lebensgemeinschaft Wald sind die Spechte als Zimmerleute des Waldes zuständig. Mit ihrem kräftigen Meißelschnabel und einem exakten Höhlenbauplan im Kopf sind sie für diese Aufgabe bestens gerüstet. Spechte bauen Höhlen aber nicht uneigennützig für andere Tiere, sondern primär zur Aufzucht ihrer Jungen. Daneben nutzen Spechte ihre Höhlen regelmäßig als sicheres Nachtquartier.

Für den Höhlenbaum werden ganz gezielt Bäume ausgewählt, die im Kern bereits morsch sind. Spechte erkennen den Zustand des Stamminneren durch die feinen Resonanzunterschiede beim Klopfen am Stamm. Kernfaule Bäume vereinfachen den Baumeistern die Arbeit ganz erheblich, da sie nur noch die gesunde äußere Holzschicht durchbrechen müssen, um dann im morschen Holz sehr viel einfacher voranzukommen. Gleichzeitig isoliert dieses morsche, trockene Holz viel besser als noch lebendes Holz.

nach obenDer Specht baut für sie alle

Spechte benutzen, wenn möglich, ihre Höhlen über mehrere Jahre, da der Höhlenbau eine sehr energieaufwändige und auch gefährliche Arbeit ist. Nicht selten werden sie besonders zu Beginn des Höhlenbaus vom Sperber oder Habicht erbeutet. Da aber viele Spechthöhlen von anderen Tierarten in Besitz genommen werden, sind Spechte häufig dazu gezwungen, neue Höhlen zu bauen.

Ein weiteres interessantes Verhalten der Spechte bringt den "Hausbesetzern" noch einen weiteren Nutzen. Im Herbst wechseln Spechte häufig ihre Schlafhöhlen und reinigen diese von eingetragenem Nistmaterial anderer Höhlenbewohner. Stundenlang werfen sie dann die Reste von Meisennestern und anderem "Unrat" aus der Höhle. Wahrscheinlich rührt dieses Verhalten vom Sicherheitsbedürfnis beim abendlichen Einschlüpfen in die Schlafhöhle her. Sie wollen durch dieses Reinemachen sichergehen, dass sie nicht von einem Feind überrascht werden, der sich in der Höhle verbirgt. Im Frühjahr ist die Höhle dann wieder für die ganze Schar von Nachmietern in optimalem Bezugszustand und gleichzeitig ist dann auch der Druck auf die von Spechten auserwählten oder gebauten Höhlen geringer.

Spechte legen ihre Eier auf den nackten Höhlenboden, der nur mit einer dünnen Schicht feiner Holzspäne bedeckt ist. Die häufigste Spechtart in unseren Wäldern ist der Buntspecht. Seine Höhlen sind ausreichend für den Bedarf von Staren, Meisen und Fledermäusen. Die größten Höhlen in unseren Wäldern baut der Schwarzspecht, der mit einer Länge von fast 50 cm dreimal so groß ist wie der Buntspecht und dementsprechend größere Höhlen baut. In ihnen finden dann so seltene Tiere wie die Hohltaube, der Rauhfußkauz oder der Baummarder als Nachmieter eine Bleibe. Aber auch kleinere Tiere wie verschiedene Fledermausarten, Hornissen oder Wildbienen, die die Höhlen in Gruppen bzw. Völkern beziehen, bevorzugen die geräumigen Höhlen der Schwarzspechte. Über 40 verschiedene Tierarten wurden in Schwarzspechthöhlen nachgewiesen.

Solche Höhlenbäume können ihre Funktion jahrzehntelang erfüllen, wenn sie nicht vom Sturm geknickt oder vom Menschen entfernt werden. Und so ist der Erhalt solcher Höhlenbäume eine zentrale Naturschutzaufgabe für Förster und Waldbesitzer, zumal diese Spechtbäume ohnehin nur noch einen geringen wirtschaftlichen Wert darstellen. Diese Aufgabe erscheint sehr einfach und doch kritisieren auch viele Waldbesucher den unaufgeräumten Wald, in dem auch noch allerhand abgestorbenes Holz auf dem Boden herumliegt. Dabei kann dieses morsche Holz mit dem Futterhäuschen in unserem Garten verglichen werden. In ihm entwickeln sich eine Vielzahl von Käferlarven, die wiederum Nahrungsgrundlage für Spechte und einer ganzen Reihe anderer Tierarten sind. Wir sollten uns deshalb bei jedem Waldspaziergang bewusst machen, dass in der Natur oft andere Gesetzmäßigkeiten herrschen und die Ansprüche verschiedener Tierarten an ihren Lebensraum viel verwobener sind, als wir es per Augenschein beurteilen können.

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Schlagworte dieser Seite:

Buntspecht, Schwarzspecht, Specht, Wildtiere

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