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80 Jahre für eine neue Sorte

So groß ist die biologische Vielfalt beim Apfel.
© M. Höfer/Julius Kühn Institut
So groß ist die biologische Vielfalt beim Apfel.

Oktober 2016 In der September-Ausgabe berichteten wir über die Wichtigkeit von Resistenzen gegen Krankheitserreger bei der Apfelzüchtung. Diesmal fragten wir bei Professor Viola Hanke nach, wie eine neue Apfel-Sorte gezüchtet wird. Sie leitet das Institut für Züchtungsforschung an Obst des Julius-Kühn-Instituts (JKI, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen) in Dresden-Pillnitz.

Frau Professor Hanke, wie züchtet man resistente Apfelsorten?

Seit den 1920er-Jahren arbeitet man am JKI bereits an Resistenzen gegen Krankheiten wie Schorf und Mehltau. Dafür ist das Institut inzwischen weltweit bekannt. Zunächst formulieren wir ein Zuchtziel, suchen nach Elternpflanzen, die die gewünschten Eigenschaften haben und bestäuben die Mutterpflanze mit dem Pollen der Vaterpflanze. Sollen Resistenzen gegen Krankheiten in Kultursorten übertragen werden, stammen die Erbinformationen (Gene) dafür aus Wildäpfeln. In den alten Zuchtsorten sind diese Gene im Lauf der Zeit verloren gegangen. Die Wildarten sind allerdings kleinfrüchtig.

Die Nachkommen der ersten Kreuzung müssen sieben Mal mit großfrüchtigen Sorten rückgekreuzt werden, bis die Äpfel eine ausreichende Größe haben. Zwischen diesen Rückkreuzungen vergehen jeweils fünf bis sechs Jahre, bis die Sämlinge Früchte tragen. Dann brauchen wir noch drei weitere Jahre, um die Früchte zu beurteilen. Sobald wir eine Sorte für marktreif befinden, stehen noch drei Jahre für die Sortenzulassungs-Prüfung beim Bundessortenamt an. Es vergehen also etwa 80 Jahre von der Kreuzung bis zur neuen Sorte.

Bestäubung der Mutterpflanze mit dem Pollen der Vaterpflanze.
© Andreas Peil/Julius Kühn Institut
Bestäubung der Mutterpflanze mit dem Pollen der Vaterpflanze.

FuG: Geht das nicht schneller?

In anderen Ländern übertragen die Züchter die Resistenzen mittels Gentechnik in die gewünschten Sorten. Das ist in Deutschland nicht erwünscht. Dafür haben wir inzwischen die Möglichkeit, im Labor per DNA-Analyse innerhalb von drei Jahren zu überprüfen, in welchen der Tausenden von Sämlingen aus einer Kreuzung das Resistenzgen tatsächlich steckt und können untaugliches Material so früher aussortieren.

Das hört sich aber jetzt einfacher an, als es ist. Bei den ersten widerstandsfähigen Sorten war nur ein Gen für die Resistenz verantwortlich. Das können Krankheitserreger relativ leicht überwinden, indem sie sich anpassen. So ist die Schorf­- resistenz der Sorte 'Topaz', die seit 1993 auf dem Markt ist, bereits gebrochen. Deshalb versucht man heute, gleich ­ mehrere gegen den gleichen Erreger wirksame Resistenz­gene in den einzelnen Sorten zu verankern. Bislang sind um die 80 Sorten mit diesem mehrfachen Schutz erhältlich. ­Diejenigen, die am JKI gezüchtet worden sind, erkennt man an der Vorsilbe "Re-" für "Resistenz" im Namen.

FuG: Welche können Sie besonders empfehlen?

'Rebella' ist resistent gegen Mehltau, Schorf und Obstbaumspinnmilben, erträgt Frost und ist von September bis Dezember essbar. Diese lange Haltbarkeit ohne spezielle Lagerung ist bei Neuzüchtungen nicht häufig. Und wer hat heute schon noch gute Lagermöglichkeiten für Obst und Gemüse?

FuG: Und was ist mit dem Geschmack?

Dafür entwickeln wir eine Serie, deren Sorten die Vorsilbe "Pi-" für "Pillnitz" im Namen tragen. Natürlich achten wir auch auf Widerstandsfähigkeit, aber hier steht der Geschmack im Vordergrund. 'Piros' kann ich empfehlen, ebenso wie ­'Pinova', eine mittlerweile weltweit bekannte Sorte.

Die "Genbank" der Wildäpfel in Dresden-Pillnitz.
© M. Höfer/Julius Kühn Institut
Die "Genbank" der Wildäpfel in Dresden-Pillnitz.

FuG: Für wen züchten Sie neue Obstsorten?

Anders als in anderen Ländern wird die Arbeit am JKI unabhängig vom Handel finanziert. Die staatliche Fürsorge für den Verbraucher steht im Mittelpunkt. Im Fall der Obstzüchtung liegt der Schwerpunkt auf der Resistenzzüchtung, damit weniger Pflanzenschutzmittel benötigt werden. Davon profitieren zuerst Haus- und Hobbygärtner sowie der ökologische Landbau.

FuG: Wo finden Sie eigentlich die Kreuzungspartner mit den Eigenschaften, die Sie suchen?

Das allermeiste steht in unserer Genbank. Eine etwas ungeschickte Bezeichnung, denn es handelt sich um Bäume auf dem Feld. Dresden-Pillnitz hat die größte Sammlung an ­biologischer Vielfalt was Äpfel und Erdbeeren betrifft. Sie enthält rund 800 alte und moderne Sorten, darunter auch Lokalsorten. Dazu kommen um die 2.000 Muster für Wild­arten. Wir sind mit weiteren Sammlern, darunter auch Hobby-Pomologen, zur Deutschen Genbank Obst vernetzt. Die umfasst Äpfel, Kirschen, Pflaumen, Erdbeeren, Him- und Brombeeren.

FuG: Was sind die Aufgaben solcher Genbanken?

Sie sollen die biologische Vielfalt erhalten, damit nichts verloren geht, was wichtig werden könnte. Zweitens möchte man ermitteln, welche Sorten erhaltenswert sind. Unser Ziel ist, von jeder Art und Sorte je zwei Exemplare an je zwei Standorten zu kultivieren. Außerdem können Züchter und Hobbygärtner Veredlungsreiser über das JKI beziehen.

nach obenWas bedeutet biologische Vielfalt?

Biologische Vielfalt umfasst neben der Vielfalt an Arten auch die Vielfalt innerhalb einer Art. Im Falle des Apfels möchte man also die Bandbreite an Wildarten ebenso erhalten wie die guten (Regional-)Sorten. Außerdem achtet man auf die Variationen innerhalb einer Sorte. So können Vertreter einer Sorte, wie 'Boskoop' oder 'Cox', unterschiedliche Wuchseigenschaften, besondere Anpassungen an regionale Bedingungen, Frosthärte oder Widerstandskräfte gegen Krankheiten aufweisen.

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Apfel, Apfelsorte, Krankheit, Krankheitserreger, Mehltau, Resistenz, Schorf, Wildarten, Züchter, Züchtung

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