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200 Jahre alte Praxistipps für Obstgärtner

Zeitschrift Der Obstbaum-Freund, Titelseite der 1. Ausgabe 1828
© Zeitschrift Der Obstbaum-Freund, Titelseite der 1. Ausgabe 1828/Wikipedia
Zeitschrift Der Obstbaum-Freund, Titelseite der 1. Ausgabe 1828

November 2015 Es lohnt sich, einmal in historischen Fachzeitschriften zu blättern. Die praktischen Tipps darin sind teilweise zum Schmunzeln, teils aber auch erstaunlich aktuell.


"Der Obstbaum-Freund" erschien von 1828 bis 1844. Dahinter steckte ein Zollbeamter, Gutsinhaber mit Baumschule und Gärtnerei sowie Gründer der "Praktischen Gartenbau-Gesellschaft" in Bayern, Johann Evangelist Fürst.

Die Zeitschrift kostete 2 Gulden 24 Kreuzer pro Jahr. Er wollte sie vor allem als Unterrichtsmaterial für Schulgärten (!) verstanden wissen. Klar, dass die Profi-Tipps für Hobbygärtner ebenfalls interessant sind. Und so manches Küchenrezept war auch dabei. Viel Vergnügen und Inspiration beim Lesen dieser Originalzitate!

nach obenPflanzenschutz

Mittel, die Kirschen gegen die Angriffe der Sperlinge zu schüzen.
Unter allen den Mitteln, welche man bisher zur Sicherung der Kirschen gegen Sperlinge vorgeschlagen und angewendet hat, ist keines, welches nicht entweder sehr umständlich und mühsam, und daher im Grossen und Allgemeinen nicht ausführbar, oder ungeeignet befunden wäre.

Die Entdeckung, daß zu Folge vielfältig gemachter Erfahrungen die Zwiebeln des Knoblauchs (Allium sativum) den Sperlingen durchaus zuwider sind, und sie den Geruch derselben auf alle mögliche Weise meiden, hat darauf geführt, daß wir darin ein dem Zweke entsprechendes und eben so wohlfeiles, als leicht anwendbares Mittel besizen, indem ein kleines Stük Knoblauch, an den Kirschbaum gehängt, dazu hinreichen soll, seine Früchte gegen jene Angriffe zu schüzen.

Ringel-Spinner
© Bibliographisches Institut Leipzig, Nordisk familjebok, http://runeberg.org/nfcj/Wikipedia
Ringel-Spinner
Ein Mittel gegen die Ringelraupen [Ringel-Spinner].
Zur Zeit des Sonnenaufgangs und des Nachmittags um sechs Uhr besehe man, und zwar des Morgens gegen die Seite des Sonnenaufgangs, und des Nachmittags gegen die des Untergangs zu, die Bäume aufmerksam von oben bis unten, um die hier und da zerstreuten Raupensize auszuspähen. Sie sind leicht erkennbar, weil die Raupen gewöhnlich um diese Zeit die äußern Zweige der Bäume verlassen haben, und in den Mittel-Gegenden derselben in Haufen von etlich Hunderten zusammen gekrochen sind. Dann nehme man nach Erforderniß einen langen und leicht zu handhabenden Stok, an dem eine Feder quer angebunden ist, tauche den obern Theil ihrer Fahne in Hanf- , Lein-, oder Baumöl [Olivenöl], und überfahre damit leise das ganze Raupenlager. In weniger als einer Viertelstunde sind alle Raupen todt und fallen in längstens zwei Tagen ausgedörrt zu Boden.

Mittel, die Maulwürfe aus den Gärten zu vertreiben.
Man legt frischen Ziegenmist in und auf die Maulwurfshaufen, dessen Geruch ihnen im höchsten Grade zuwider seyn soll. Auch kann man die Maulwurfslöcher, so weit es möglich ist, öffnen, und vermittels eines Stäbchens ein Stükchen zusammengeballer Hede (Flachs-Werch [Abfall bei der Bearbeitung von Leinen, Hanf, oder Jute; statt dessen Watte oder einen alten Lappen verwenden]) hineinschieben, welches mit Kienöl [Terpentinöl] reichlich getränkt ist.

nach obenPflanzung & Pflege

Interessant, welche Gerätschaften man vor 200 Jahren nutzte.
© L. H. Bailey, The principles of fruit Growing (1897)/Wikipedia
Interessant, welche Gerätschaften man vor 200 Jahren nutzte.
Beste und bequemste Art große Bäume zu verpflanzen.
Es werden dem zu verpflanzendem Baume im Herbste alle großen Seitenwurzeln in einer Entfernung von etwa 2 Fuß [60,96 cm] von dem Stamme abgesägt; nun bilden sich im nächsten Sommer an den stehen gebliebenen Stüken eine Menge feiner Haarwurzeln, welche den Baum hinlänglich ernähren. Im nächsten Herbste wird er nun ohne den schweren Erdballen ausgehoben und an der neuen Stelle eingeschlämmt, wozu denn also nicht viel Kraftaufwand erfordert wird.

Wie attraktiv botanische sowie sortenkundliche Zeichnungen heute noch sind.
© Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1 Leipzig 1905, Apfelsorten nach dem pomologischen System Diel-Lucas/Wikipedia
Wie attraktiv botanische sowie sortenkundliche
Zeichnungen heute noch sind.
© GDFL Kurt Stueber/Wikipedia
Frostschaden an Obstbäumen zu verhüten.
Man lege rund um den Stamm junger Bäume, zumal wenn sie im Herbst erst gepflanzt sind, viel abgefallenes, trokenes Laub, oder etwas Laubmist. Hat man Flachs-Schäben [Nebenprodukt der Fasergewinnung aus Flachs oder Hanf; im Heimtierfachhandel erhältlich], so sind diese noch besser, um der Mäuse willen. Hierdurch wird der Frost verhütet, das Unkraut vertilgt und das Erdreich loker und feucht gemacht und ist auch für alte kranke Bäume gut. Im Frühjahre belege man den Baum mit Eisschollen oder Schnee und gefrornem Mist darüber. Hierdurch wird der Baum im Blühen aufgehalten, und wenn nun keine Nachtfröste mehr eintreten, so blüht er erst und wird sehr üppig und fruchtreich.

Das Schütteln oder Anschreken [Erschüttern] der blühenden Obstbäume nach starkem Thau oder Regen.
Ausgemacht ist es, daß starke Thaue, besonders gelinde Regen ohne starken Luftzug der Baumblüte ungemein schaden, indem die Thau- und Regentropfen in der Blüte die Begattung verhindern und oft die schöne Obst-Ernte vereiteln. Ein erfahrner Pomolog [Apfelkundler] hat daher das Schütteln und Erschüttern der Bäume mit Stangen und Haken aus mehrjähriger Erfahrung sehr bewährt gefunden, und empfiehlt es daher im Obstbaumfreunde Jedem, dem an einer reichen Obsternte gelegen ist. Leicht ist die Probe, bringts Segen, so lobe!

Ameisen aus einem Garten zu vertreiben.
Man säe hin und wieder Körbel [Kerbel] an, so werden die Ameisen fortziehen.

nach obenRezepte

Nußsaft.
Wenn die [Wal-]Nüsse noch keinen festen Kern haben, werden sie abgewischt, in Stüke zerschnitten, klein gestoßen und der Saft ausgepreßt. Hierauf läutert [reinigt, heute nicht nötig] man Honig, auf 150 Nüsse ein halbes Maß [ca. ein halber Liter], oder wer dieß nicht wollte, Zuker in verhältnißmäßiger Quantität (etwas zu viel schadet weniger als zu wenig) und kocht ihn mit dem Nußsafte gehörig ein, der den Ragouts und pikanten Saucen einen besonders aromatischen Geschmack gibt.

Quitten-Ratafia [französischer Aperitif].
Man reibt hierzu die Quitten, legt das Kernhaus bei Seite, preßt das Uebrige durch ein Tuch, fügt eben so viel Branntwein als Saft dazu und auf jedes Quart [Viertelliter] ein Viertelpfund Zuker, wozu man noch einige bittere Mandeln, ein Quentchen [1,67 g] Zimmt und eben so viel Nelken und Coriander fügt. Nachdem der Ratafia zwei Monate gestanden, seiht man ihn ab, trinkt ihn jedoch nicht gleich, wenn man ihn gut zu haben wünscht, sondern wartet damit bis zum nächsten Frühjahr, um ihn noch eine Weile in die Sonne zu stellen.

nach obenZum Schmunzeln

Praktisches Raupenvertilgungsmittel.
Der Mann, der in Breisach das neue Raupenvertilgungsmittel erfunden hat, verdient nach seinem Tode ein Denkmal und das Mittel, selbst Nachahmung. Man gibt nemlich in Breisach jedem Strassenjungen für jedes Hundert Raupen, welches er bei der Universal-Vertilgungs-Komission abliefert 1 kr. [Kreuzer], ebenso für jedes Hundert Schmetterlinge, Puppen &c. [etc.] und ertheilt ausserdem den heldenmüthigsten und wüthendsten Raupen-Mördern Preise an Büchern. Das sind zwei Fliegen auf einen Schlag; die Raupenmörder werden abgehalten von dummen Streichen, und das Raupen nimmt den Jungen auch die Raupen aus dem Kopfe; so kommt die Jugend auf einen grünen Zweig und die Pflanzenwelt auch.

nach obenSelber Schmökern

Digitalisierte historische Gartenzeitschriften finden Sie auf der Internetseite der Bücherei des Deutschen Gartenbaues e. V. (www.gartenbaubuecherei.de) sowie des Münchener DigitalisierungsZentrums (www.digitale-sammlungen.de; bei der Suchfunktion aus mehreren Worten bestehende Zeitschriftentitel in Anführungszeichen setzen).

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Schlagworte dieser Seite:

Baumöl, Buch, Fachzeitschriften, Hanf, Maulwürfe, Obstgarten, Raupenvertilgungsmittel, Schulgärten, Unterrichtsmaterial

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