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Veredeln − ein Wunderwerk?

März 2013 Das Verbinden zweier unterschiedlicher, aber genetisch nahe verwandter Pflanzen nennt man Veredeln. Die Technik ist besonders verbreitet in der Anzucht von Obst- und Ziergehölzen, aber auch bei Gemüsearten wie Gurken und Tomaten und Zierpflanzen.




Bei der Veredelung werden zwei oder mehr Partner miteinander verbunden, um die Vorteile beider zu nutzen. Aus der Vermehrung von Obstgehölzen ist die Veredlung kaum wegzudenken, denn die meisten Obstsorten lassen sich nicht oder nur schwierig durch Stecklinge oder Schnitthölzer vermehren. Wenn es gelingt, passt der Baum nicht in das heute vorgegebene Pflanzschema oder die Ertragseigenschaften entsprechen nicht den Erwartungen. Beispiele: Edle Apfelsorten wachsen auf eigener Wurzel extrem stark oder ihre Früchte sind sehr klein oder kaum gefärbt.

Bei den Partnern, die den Wurzelstock bilden, handelt es sich biologisch ebenfalls um "Sorten". Sie werden jedoch nach anderen Kriterien ausgesucht und vegetativ vermehrt – beispielsweise durch Abrisse oder Steckhölzer – oder sortenrein durch Samen (Sämlinge) erzeugt. Von all diesen "Unterlagen" kennen wir die Eigenschaften und durch die zum Teil generationenlange Erfahrung auch die Leistungen der Kombinationen mit den Edelsorten.

Für den Erfolg sind zwei Komplexe entscheidend:
  1. Das korrekte Zusammenfügen funktionsgleicher Leitungsbahnen von Edelreis und Unterlage mit anschließender Verbindung.
  2. Die passende Auswahl der zu veredelnden Partner.

nach obenEin Blick in die Biologie

Zweig, Ast oder Stamm sind alle nach einem Muster aufgebaut: Außen schützt die Borke vor mechanischer Beschädigung, Witterungseinflüssen und Verdunstung. Der anschließende Bastteil speichert und transportiert in vertikaler und horizontaler Richtung die Produkte der Assimilation aus den Blättern in die Wurzeln. Das Kambium ist eine aus meristematischen (teilungsfähigen) Zellen bestehende Schicht, die ständig den Bastteil nach außen und den folgenden Splintteil nach innen ergänzt. Im Splintholz findet der Transport der im Wasser gelösten Nährsalze von der Wurzel in die Kronenspitze statt. Der Splint sorgt aber auch für die statische Festigung und die Speicherung von Assimilaten.

Bei allen Veredlungstechniken kommt es darauf an, dass ein möglichst großer Teil des Kambiums vom Edelreis mit dem der Unterlage lückenlosen Kontakt hat. Dieses Kambiumgewebe stellt die Verbindung zwischen den Partnern her. Dadurch kann der Fluss von Assimilaten und der aus dem Boden aufgenommenen Nährstoffen funktionieren. Es beginnt die Bildung von neuen angleichenden Zellen (Wundgewebe) und damit die Verwachsung der beiden Partner. Glatt geschnittene und möglichst gleichgroße Schnittflächen sichern den Erfolg. Ganz wichtig für diesen Prozess sind auch das Verbinden und Verstreichen sofort nach dem Einsetzen des Reises. Zum Verbinden verwendet man Raffiabast aus dem Bastelladen. Die Schnittflächen dürfen nicht antrocknen! Beim Verbinden darauf achten, dass die angepassten Schnittflächen nicht verrutschen.

Eine vereinfachte Darstellung hilft, das Veredeln und den Vorgang des Anwachsens zu verstehen: Wenn das Edelreis richtig eingesetzt ist, liegen die Schnittflächen des Kambiums auf denen der Unterlage bzw. des Veredlungskopfes. Sehr bald beginnt die Bildung des Wundgewebes (Fachbegriff: Intermediärgewebe) mit dem Ausfüllen kleiner Hohlräume. Dies ist die Voraussetzung für das Durchdringen der Säfte in beide Richtungen. Die Leitungsbahnen entstehen. Parallel dazu beginnt das Wundgewebe mit dem Zuwachsen der Schnittflächen am Pfropfkopf.

nach obenAuffällige Ergebnisse

Das Ergebnis zweier nicht recht passender Partner: Die Edelsorte wächst zu stark für die gewählte Unterlage. Lebensdauer und Standfestigkeit sind eingeschränkt.
© von Soosten, Rolf
Das Ergebnis zweier nicht recht passender Partner: Die Edelsorte wächst zu stark für die gewählte Unterlage. Lebensdauer und Standfestigkeit sind eingeschränkt.
Die Verbindung sehr unterschiedlicher Partner kann zu auffälligen Erscheinungen führen: Stark wachsende Edelsorten auf schwach wachsenden Wurzeln führen zu Verdickungen im Bereich oberhalb der Veredlung ohne Nachteile für den Baum. Bei ungeeigneten Kombinationen entstehen mit zunehmendem Alter Hohlräume an der Verwachsungszone. Diese Unverträglichkeit kann zum Abstoßen der Edelsorte führen. Im umgedrehten Fall kann die Unterlage mit Wurzelschossen reagieren. Sie sind lästig, aber unbedeutend. Die schwächere Edelsorte kann die von der Wurzel aufgenommenen Nährstoffe nicht alle aufnehmen. Bei tief über dem Boden veredelten Bäumen können aus der Edelsorte Wurzeln sprießen und sich im Boden verankern. Die Sorte befreit sich vom Einfluss der Unterlage. Die weitere Entwicklung des Baumes bestimmt dann die Edelsorte. Aus diesem und einigen weiteren Gründen veredeln die Baumschulen seit einigen Jahren etwas höher – etwa 25 cm über dem Boden.

nach obenMehrfach veredelt

Es ist durchaus möglich, einen Baum oder eine Unterlage mehrfach zu veredeln. Zu Zeiten des Spalierobstes wurden gern Apfel- oder Birnenbäume mit mehreren Sorten angeboten und gepflanzt. Bei der Anzucht von Hochstämmen wird auf die Sämlingsunterlage eine Sorte gesetzt, die in der Lage ist, in einem Jahr einen geraden, hohen Stamm zu bilden: ein Stammbildner. Die gewünschte Sorte wird dann in der entsprechenden Höhe – Halb- oder Hochstamm – durch Kopulation oder Geißfuß aufgesetzt.

Der Gartenbau kennt eine Anzahl verschiedener Techniken, die im Laufe der Jahre ihre Bedeutung wechseln:

  • Beim Okulieren (lat. Oculus = Auge) wird das aus dem Edelreis geschnittene Auge in den Wurzelhals der Unterlage gesetzt. Anwendung bei Obstgehölzen und Rosen.
  • Das Kopulieren (lat. copulare = verbinden) setzt eine annähernd gleiche Holzstärke bei beiden Partner voraus. Es gilt als weniger belastbar, wird aber im Hausgarten gern angewendet.
  • Außerdem häufig: "hinter die Rinde schieben". Eine zeitaufwendige, aber einfach durchzuführende Technik, die oft beim Umveredeln bereits vorhandener Bäume genutzt wird.

Ein okulierter Baum aus der Baumschule, etwas höher veredelt.
© von Soosten, Rolf
Ein okulierter Baum aus der Baumschule, etwas höher veredelt.
Kopulation einer Süßkirsche: Der schräge Schnitt und die darüber führende Einschnürung durch die ehemalige Bindung sind deutlich zu sehen.
© von Soosten, Rolf
Kopulation einer Süßkirsche: Der schräge Schnitt und die darüber führende Einschnürung durch die ehemalige Bindung sind deutlich zu sehen.

nach obenSauberkeit ist wichtig

Wir haben es hier mit Eingriffen bei lebenden Pflanzen zu tun. Daher muss man auf peinliche Sauberkeit an allen Schnittstellen und beim Verbinden achten. Das Wetter sollte trocken und nicht zu warm sein. Saubere und scharfe Werkzeuge erleichtern nicht nur das Arbeiten, sondern auch das Anwachsen.

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