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Symbiosis

Hirschkäfer


Juni 2002 Sie erreichen zwar nur eine Körperlänge bis zu acht, einzelne Männchen bis fast neun Zentimeter, trotzdem gehören sie zu den Riesen, zu den Riesen unter den Käfern. Die Rede ist von unserem größten einheimischen Käfer,
dem Hirschkäfer.

Mit dem Einbruch der Dämmerung ertönt plötzlich auch ein dumpfes Brummen am Waldrand an diesem angenehm warmen Frühsommerabend Anfang Juni. Fast aufrecht stehend schwebt ein kräftiges, gut sechs Zentimeter langes Hirschkäfermännchen mit seinen monströs vergrößerten, geweihartigen Mandibeln langsam durch die Luft. Zielstrebig folgt er einer für ihn unwiderstehlichen Duftspur, einer Mischung aus dem Geruch eines Weibchens und dem gärenden Baumsaft einer Eiche. Nach kurzer Zeit hat er die Verursacherin der Duftspur lokalisiert und landet auf einem Eichenast nur wenige Zentimeter von einem Weibchen und der von ihr aufgebissenen Saftstelle entfernt. Aber er ist noch lange nicht an seinem Ziel angelangt. Neben dem Weibchen sitzt bereits ein anderes, fast gleichgroßes Männchen, das ebenfalls Ansprüche auf das Weibchen und die Nahrungsquelle erhebt. Sofort laufen die beiden Rivalen aufeinander zu, bis sie sich direkt gegenüber stehen. Einen kurzen Moment scheinen sie sich zu mustern, um dann langsam ihre Vorderkörper mit den furchterregenden Geweihen aufzurichten. Noch einmal verharren sie bewegungslos, als ob sie die Kraft ihres Kontrahenten einschätzen wollten. Aber plötzlich schießen sie mit weit geöffneten Mandibeln aufeinander los. Wie bei einem mittelalterlichen Ritterturnier prallen sie geräuschvoll aufeinander und versuchen den Gegner durch die Wucht des Aufpralls aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Gleichzeitig verhaken sie sich mit ihren Geweihen ineinander und versuchen sich so vom Ast zu schieben. Da beide Männchen jedoch annähernd gleich groß sind, bleiben diese Versuche erfolglos. In einem günstigen Moment lockert das etwas größere Tier seinen Griff und setzt, begleitet von einem lauten, beängstigenden Knirschen, einen neuen Griff bei seinem Gegner an. Dabei erwischt er diesmal eine günstigere Ausgangsposition als vorher. Mit den langen Krallen seiner sechs Beine fest an den Ast geklammert, gelingt es ihm, das andere Männchen etwas anzuheben, so dass dessen Vorderbeine den Kontakt zum Ast verlieren. Stück für Stück kann er das nun schwächere Tier aushebeln, bis er es schließlich mit einem letzten, kräftigen Ruck triumphierend über seinem Kopf hält. Doch wohin nun mit dem hilflosen Gegner? Der Sieger dreht sich um 90 Grad, so dass er quer auf dem Ast steht und der Unterlegene über dem Abgrund schwebt und lässt ihn einfach fallen. Meist gehen solche Kämpfe, die mehrere Stunden dauern können, für den Unterlegenen glimpflich aus. Es handelt sich um sogenannte Kommentkämpfe, die nicht den Tod oder die Beschädigung des Unterlegenen zum Ziel haben. Stattdessen soll durch diesen "Ringkampf" nur das stärkere Tier ermittelt werden, dem das schwächere freiwillig das Feld räumt. Trotzdem kann es durch die enorme Kraft der Mandibeln gelegentlich auch zu Beschädigungen wie abgebrochenen Beinen oder Mandibeln kommen.

Nach dem erfolgreichen Kampf klettert der siegreiche Hirschkäfermann zu dem Weibchen zurück und stellt sich so über sie und ihre Saftstelle, dass ihre Köpfe stets gleich ausgerichtet sind. Mit seinen überdimensionalen, geweihartigen Mundwerkzeugen ist das Hirschkäfermännchen nämlich nicht mehr in der Lage, die Rinde von Laubbäumen, vorzugsweise von Eichen, aufzubeißen, um so an seine Nahrung, den zuckerhaltigen Saft, zu gelangen. Deshalb ist es auf natürliche Saftstellen und vor allem auf das deutlich kleinere Weibchen angewiesen, das wesentlich kleinere aber sehr kräftige Mandibeln besitzt, mit denen es mühelos den lebensnotwendigen Saftfluss erzeugen kann. In dieser Position, die mehrere Tage andauert, findet schließlich auch die Paarung statt. Die Eiablage erfolgt in morschen Baumstämmen verschiedener Laubbäume, vor allem an Eichen. Die Larve, die sich von dem morschen Holz ernährt, kann eine Größe von bis zu elf Zentimeter erreichen. Nach fünf bis acht Jahren verpuppt sich die Larve in einer bis faustgroßen Puppenwiege, wobei die der Männchen größer ist als die der Weibchen. Die Mandibelanlagen sind dabei bauchwärts eingeschlagen. Die ausgewachsenen Käfer schlüpfen an den ersten milden Frühsommertagen. Je nach Ernährungsbedingungen der Larven können enorme Größenunterschiede bei den Käfern auftreten: Männchen 3,5 bis fast 9 cm, Weibchen 2,5 bis 5 cm. Aufgrund ihres furchterregenden Eindrucks wurden vor allem den Männchen geheime Kräfte zugeschrieben. In Frankreich und Rumänien glaubte man zum Beispiel, ein am Hut getragener Hirschkäfer könne das Böse abwehren.

Heute stehen die vielerorts selten gewordenen Großkäfer, die auf der "Roten Liste der gefährdeten Tierarten" stehen, in Mitteleuropa unter Naturschutz. Doch solange die moderne Forstwirtschaft jeden löchrigen Baum, jeden größeren Baumstumpf und jeden morschen Ast aus dem Wald entfernt, solange schwinden für unseren größten und schönsten Käfer die Überlebenschancen!

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