Familienheim und Garten Verlagsgesellschaft mbH

Springen sie direkt:

Sie befinden sich hier: Pflanzen > Obst > Schnitt der Obstgehölze
Autor:
von Soosten, Rolf

Schnitt der Obstgehölze − Allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu Wachstum und Schnitt


Eine ideale Krone, deren Äste bereits in der Baumschule in Waage gebracht wurden. Nur die vier oberen Seitentriebe müssen noch gebunden werden. Ein Baum für eine Spindel. Die längsten Triebe können eingekürzt werden. Dadurch verhindert man Kahlstellen in Stammnähe.
© von Soosten, Rolf
Eine ideale Krone, deren Äste bereits in der Baumschule in Waage gebracht wurden. Nur die vier oberen Seitentriebe müssen noch gebunden werden. Ein Baum für eine Spindel. Die längsten Triebe können eingekürzt werden. Dadurch verhindert man Kahlstellen in Stammnähe.
Januar 2010 Gehölze haben unterschiedliche Wuchscharaktere. Die Palette reicht von streng aufrecht wachsenden Stämmen mit regelmäßig angeordneten Sei tenästen (Tannen) bis hin zu locker aufgebauten Kronen, denen keine Ordnung abzugewinnen ist (Walnuss). Allen gemeinsam ist der Stamm, auf dem sich die Krone entwickelt. Diesen Arten gab man den Begriff Bäume.

Was sind aber Johannisbeeren, Haselnüsse und Holunder? Diesen fehlt, bei typischen Exemplaren, der Stamm. Eine Krone entwickelt sich eben über der Erde. Das Holz ist mehrjährig. Hier haben wir es mit Sträuchern zu tun.

Bei Brombeeren und Himbeeren mit all ihren Verwandten stirbt das Holz ab, wenn einmal Früchte daran saßen. Jedes Jahr kommen aus dem Wurzelstock neue Triebe, die das Gewächs weiter bestehen lassen. Hier spricht man von Halbsträuchern.

Worin unterscheiden sich nun die Bäume einerseits und die Sträucher mit den Halbsträuchern andererseits?

Bei Bäumen – das beginnt bereits beim Keimling – bekommt stets die oberste Knospe den stärksten Saftdruck. Je niedriger die Knospe, umso geringer der jährliche Zuwachs. Logischerweise baut sich so der Baum auf.

Bei Sträuchern und Halbsträuchern sind es die Knospen an der bodennahen Basis, aus denen jährlich lange Triebe entstehen während zur Spitze hin der Zuwachs weniger wird. Je nach Art und Sorte kann die Ausprägung unterschiedlich sein.

In beiden Fällen handelt es sich um genetisch festgelegte Eigenschaften, die nicht durch Kulturmaßnahmen wie Schnitt, Düngung oder Einsatz anderer Hilfsstoffe verändert oder beeinflusst werden können. Im Fachjargon spricht man von den Wachstumsgesetzen.

Die den Baum begleitenden Schnittmaßnahmen sind in den wesentlichen Zügen Einflussnahme und Reaktion auf die Wachstumsgesetze. Schneiden wir einem neu gepflanzten Baum die Spitze zurück, so wird die oberste Knospe nahe der Schnittstelle am längsten austreiben, die darunter befindlichen entsprechend geringer. Setzen wir dieses an den darunter sitzenden, aufrecht stehenden Trieben fort, so setzt sich die oben geschilderte Reaktion je nach der Position des Astes innerhalb der Krone fort. In der Praxis kann es vorkommen, dass ein Seitentrieb nach dem Rückschnitt der Stammverlängerung die Schnittstelle überragt. Dann wird die oberste Knospe des Seitenastes den stärksten Austrieb machen – meistens nicht erwünscht, deshalb entfernen oder herunterbinden! Spitzenförderung wird diese Gesetzmäßigkeit genannt.

An einem waagerecht gebundenen Ast werden stets die obenliegenden Knospen austreiben, die auf der Unterseite bringen lediglich Blätter hervor = Oberseitenförderung.

Bildet der heruntergebogene Ast einen Bogen, so spricht man von der Scheitelpunktförderung, wenn der Austrieb am höchsten Punkt besonders kräftig ist. Steile Astwinkel fördern das Wachstum, weite fördern den Fruchtbehang.

Kommen wir zum Schnitt mit der Aussage, dass ein starker Rückschnitt eines Astes bei den nur wenigen verbleibenden Knospen zu kräftigen und dicken Trieben führt. Beim schwachen Rückschnitt steht vielen Knospen der Saft zu, sodass die Triebe nur vergleichsweise kurz sein werden. Zu bedenken ist, dass auch hier die zuvor beschriebene Spitzenförderung mitspielt. Sie kann – je nach Position im Baum – stärker wirken als der Effekt eines kräftigen oder schwachen Rückschnitts.

nach obenFormen der Obstgehölze

In den letzten 70 Jahren hat es, wenn man von Spalieren absieht, eine rasante Entwicklung in den Baumgrößen und -formen gegeben. Hochstämme werden im privaten Bereich kaum noch gepflanzt. Halb- und Viertelstämme sind nur in besonderen Fällen gefragt. Die immer kleiner werdenden Grundstücke verlangen geradezu nach Spindeln und neuerdings nach Säulen. Die Begriffe Halb- und Viertelstämme – 160 bis 100 cm hoch – sind kaum noch im Gebrauch. Selbst die Begriffe "Busch" und "Spindel" verschwimmen. Wichtiger sind dagegen die Kronenformen. Die übliche Krone besitzt eine Stammverlängerung, den Mittelleitrieb, von dem die Seitenäste abgehen. Dies wird auch Pyramidenkrone genannt. Im Gegensatz dazu steht die Hohl- oder Trichterkrone, die bei einigen Steinobstarten – Pfirsich und Sauerkirsche – bevorzugt wird. Die kronenbildenden Seitenäste verlassen den Stamm unmittelbar über seinem Ende. Ihr Nachteil ist die geringe Stabilität.

Neben Krone und Stamm gehört die Wurzel zum Obst baum. Sie wird beim Baumobst als Unterlage bezeichnet. Als besondere Bedeutung kommt ihr der Einfluss auf die Wuchsstärke und damit den Ertragsbeginn, die Fruchtgröße und die Anpassung an den Standort zu.

Beim Schnitt der Obstgehölze benennen wir die Maßnahmen in Anlehnung an die Lebensabschnitte: Pflanzung, Erziehung, Erhaltung der Krone und Verjüngung.

nach obenDer Pflanzschnitt

Beim Pflanzen werden die Hauptwurzeln glattgeschnitten, wenn sie gebrochen sind. Glatte Schnittflächen bilden schneller neue Wurzeln. Bei Topfballen sollte man den Ballen lockern. Der Kontakt zum neuen Standort wird so schneller hergestellt. Während man bis vor etwa zwanzig Jahren am einjährigen Holz der jungen Krone herum schnibbelte, wird heute mehr in die Waagerechte gebunden. Diese Äste setzen im Pflanzjahr bereits Blütenknospen an. Die Stammverlängerung kann man etwa eine Scherenlänge über dem letzten gebundenen Ast anschneiden. Der oft steil stehende Konkurrenztrieb sollte allerdings, wenn genug (3 bis 4) Seitentriebe vorhanden sind, weggeschnitten werden. Bei Süßkirschen lässt man jedoch einen Zapfen von etwa 20 cm stehen. So kann man den 'Gummifluss’ verhindern. Wenn das Seitenholz sehr lang (über 40 cm) ist, kann es eingekürzt werden. Zum Aufbau größerer Kronen – dazu sind Stammlängen von etwa 1 m sinnvoll – wählt man 3 oder 4 aufwärts strebende Seitenäste, die möglichst in der Höhe versetzt den Stamm verlassen. Sie werden auf gleiche Höhe mit einem Auge nach außen angeschnitten (Saftwaage – gleichhoher Anschnitt hat etwa gleichen Austrieb zur Folge). Die Mitte wird etwa eine Scherenlänge über der Saftwaage eingekürzt. Noch verbleibendes Holz kann zur Förderung des Ertragsbeginns in die Waage gebunden werden.


Bei einer Hohl- oder Trichterkrone bilden die drei oder vier geeigneten, möglichst gleich starke Äste das Fundament. Der Mitteltrieb wird entfernt. Anschnitt auch hier auf die Saftwaage. Ideale Astansatzwinkel sind etwa 40°.

nach obenDer Erziehungsschnitt

Beginnen wir mit der Behandlung von Spindeln. Nach dem oben geschilderten Schnitt ist zu erwarten, dass unterhalb des Anschnittes Seitentriebe erscheinen, von denen der Konkurrenztrieb beseitigt wird. Die übrigen werden, wenn sie lang genug sind, herunter gebunden. Keiner darf über die oberste Knospe der Stammverlängerung herausragen. Die vorjährigen Triebe sollten möglichst waagerecht stehen. Herabhängende können, wenn sie weiter wachsen sollen, etwas über die Waagerechte gebunden werden. Je weiter ein Ast über diese Ebene angehoben wird, um so mehr wird er an Länge zunehmen. In den nachfolgenden Jahren wird überaltertes Fruchtholz zu entfernen sein. Zu dicht übereinander liegende Äste werden zur besseren Belichtung der Früchte ausgedünnt. Bei gutem Behang ist dem Wuchs durch Düngung nachzuhelfen. Im Sinne eines zügigen Wuchses sei an die Ausdünnung erinnert. Die Mitte kann, muss aber nicht angeschnitten werden. Wichtig dabei ist ein harmonisches Verhältnis zwischen Höhe und Breite (Pflanzabstand). Ist die Endhöhe erreicht, wird die Spitze auf einen niedrigeren Seitenast abgesetzt. Diese Maßnahmen greifen bereits in den Erhaltungsschnittes hinein.

Der Aufbau größerer Kronen gestaltet sich ähnlich: Die Konkurrenztriebe an den Seitenleitästen und der Mitte werden entfernt. Die Seitenleitäste versucht man möglichst einige Jahre in der Saftwaage zu halten. Im Sinne eines offenen, gut belichteten Kroneninnenraumes lassen sich die Seitenleitäste auf nach außen weisende untergeordnete Äste absetzen. Bei zunehmender Astlänge, Belaubung und Fruchtbehang beginnt die Ausdünnug zu dicht stehender Äste und des Fruchtholzes. Beim konsequenter Behandlung denke man daran, dass 40 bis 50 Blätter für eine optimale Fruchtgröße gebraucht werden, zu viele Blätter aber zuviel Schatten erzeugen.

nach obenDer Verjüngungsschnitt

Der Verjüngungsschnitt setzt ein, wenn Triebzuwachs und Fruchtgröße nachlassen. Das ist vom Standort und der Unterlagen- Sortenkombination abhängig. Bei Spindeln kann es bereits im 7. oder 8. Jahr, bei Halb stämmen aber erst im 20. Ertragsjahr sein. Ihm liegt das Prinzip des starken Rückschnitt und des damit verbundenen Austriebs zugrunde. Die Spitze setzt man auf einen Seitentrieb zurück, Seitenäste werden eingekürzt, altes Fruchtholz konsequent reduziert oder entfernt und, wo es sinnvoll ist auch ein paar dicke Äste entfernt. Der Baum wird dann, vor allem bei entsprechender Düngung, frisch austreiben. Dann folgt die Auswahl des erneuerten Holzes. Überflüssiges kann entfernt werden.

Die Erziehung der Obstgehölze, ihre Düngung und der Pflanzenschutz sind als eine Einheit zu betrachten, bei dem ein Mangel des Einen durch ein Zuviel am Anderen nicht ausgeglichen werden kann.

Bitte melden Sie den Kommentar nur, wenn er andere Menschen beleidigt, beschimpft oder diskriminiert, oder Äußerungen enthält, die Gesetze verletzen (beispielsweise zu einer Straftat aufrufen).


Schlagworte dieser Seite:

Brombeeren, Düngung, Erziehung, Erziehungsschnitt, Haselnüsse, Himbeere, Holunder, Johannisbeere, Pflanzenschnitt, Pyramidenkrone, Rückschnitt, Scheitelpunktförderung, Schnittarbeiten, Spindel, Trichterkrone, Verjüngungsschnitt

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um alle Artikel mit diesem Schlagwort anzuzeigen.

Familienheim und Garten Verlagsgesellschaft mbH

Copyright

Familienheim und Garten
Verlagsgesellschaft mbH
Bonn 2014

Dienste

Links

Entwicklung/Realisierung

MultimedaConcept, Bonn
Kennedyalle 17, 53175 Bonn
office@mmcm.de
www.mmcm.de


Werbeanzeige
Werbeanzeige