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Familienheim und Garten, Copyright: Siegfried Mairböck
 
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Autor
Schmidt, Joachim

Gedanken zum Freizeitwert


Mai 2006 Tagtäglich gebrauchen wir das Wort Freizeit. Haus und Garten messen wir sogar einen Freizeitwert zu. Doch wie real ist dieser Wert? Vielleicht ist er nur eine Illusion, erfunden von der Werbung. Unser Autor Joachim Schmidt hat sich darüber ein paar Gedanken gemacht und dabei Erstaunliches und Widersprüchliches aufgedeckt.

Hausbesitzer werden beneidet. Um ihre großzügigen Räume, ihren Garten mit Sonnenterrasse und Teich, und darum, dass sie ihre Freizeit besonders intensiv genießen können. Auf eigenem Grund und Boden und ohne Einschränkungen. Doch stimmt das? Sind Eigenheimer wirklich im Vorteil und was macht den Freizeitwert eines Hauses aus?

Banken und Bausparkassen haben schon in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Begriff vom "Glück im Grünen" geprägt und damit vielen Menschen das eigene Haus zum Lebensziel gemacht. Freizeit, Entspannung und Erholung werden in den Vordergrund gerückt.

Doch wer sich einmal intensiv mit dem Begriff Freizeit beschäftigt und auch die moderne Aussage vom Freizeitwert hinterfragt, kommt zu ganz anderen Ergebnissen als vermutet. Man sollte deshalb einmal über das Wesen der "Freizeit" nachdenken.

Freie Zeit ist Zeit ohne Arbeit und Verpflichtungen. Sie steht weder automatisch zur Verfügung noch gibt es eine feste Größe für Freizeit oder gar einen Anspruch darauf, wie beim tariflich vereinbarten Urlaub. Freizeit muss vielmehr erarbeitet werden. Man muss sie sich buchstäblich leisten können und das heißt erst einmal: etwas zu leisten.

Leistung ist weder bewundernswert noch eine Pflicht. Leistung ist ein physikalisch-mathematischer Begriff, nämlich Arbeit, geteilt durch Zeit. Einfach ausgedrückt: Wer die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit ausführt als ein anderer, erzielt eine höhere Leistung. Er spart Zeit und erwirtschaftet dadurch Zeit!

Hingegen sind Überstunden, die man ansammelt um sie zu einem späteren Zeitpunkt gegen Arbeitsstunden oder -tage aufzurechnen, keine Leistung, sondern nur ein Guthaben, das später in Geld eingetauscht oder mit tariflicher Arbeitszeit verrechnet werden kann. Zeit wird damit nicht gewonnen. Schon gar keine Freizeit, wenn in diesen Stunden die Wohnung renoviert oder ein Carport gebaut wird. Dann werden lediglich selbstgestellte Aufgaben abgearbeitet.

Als gleichermaßen widersprüchlich erweist sich der sogenannte "Freizeitwert" eines Hauses. Attraktive Architektur und üppiges Gartengrün werden allgemein mit einem hohen Erlebnis- und Erholungswert gleichgesetzt. Doch die Realität sieht meist ganz anders aus.

Seit Jahrzehnten will uns die Werbung weismachen, dass wir in einer Freizeitgesellschaft leben in der die Erwerbsarbeit nur ein notwendiges Übel ist.

Das zeigt sich auch in der Planung heutiger Einfamilienhäuser. Wir wollen "Freizeithäuser" mit Ferienstimmung. Die Hausarbeit erledigt sich dann wie von selbst. Offenes Wohnen ist "in". Dazu viel Glas, weiße Decken und Wände, auch Teppichböden und lackierte Fußböden ganz in Weiß.

Nicht ohne Grund präsentieren sich die Musterhäuser auf den großen Bauausstellungen in dieser "Sonntagsarchitektur". Sparsame Möblierung vermittelt den Eindruck von Weite und Großzügigkeit. So wie in den Wohnungen von Promis und Star-Designern im Fernsehen.

Dass jedoch bei der Planung dieser Traumhäuser häufig genau das Gegenteil vom erträumten Freizeitspaß herauskommt, wird in der Entwurfs-Euphorie übersehen. Die ersehnten Traumhäuser präsentieren sich zwar optisch attraktiv, erfordern dafür aber einen überproportionalen Pflegeaufwand. Nicht selten sind sie so unpraktisch, dass man sie als "Arbeitshäuser" bezeichnen kann.

Riesige Glasflächen zwingen zum häufigen Putzen und offene Küchen zum permanenten Aufräumen, nur dann wirkt alles dekorativ. Jede Hausfrau kennt den Aufwand, den der Haushalt einer nur 80 m2 großen Mietwohnung macht. Sie muss deshalb keine Hellseherin sein, um vorherzusagen, dass 130 m2 Hausfläche, verteilt auf zwei Geschosse, erheblich mehr Arbeit abverlangen als die Mietwohnung, zumal noch Terrasse und Garten hinzukommen. Wie aber kann man Freizeitstunden genießen, wenn diese von vornherein vom Haus aufgezehrt werden? Die ganz auf Freizeit ausgerichtete "Sonntags-Architektur" der großen Wohnzeitschriften, mit ihren perfekt aufgeräumten Küchen und Wohnräumen, täuscht über den hohen Aufwand an Hausarbeit hinweg.

Zu Recht sehen Hausfrauen ihre Arbeit als Beruf und nicht als Freizeitvergnügen. Sie sollten deshalb als erste auf die Schwächen moderner Hausgestaltung hinweisen, denn sie müssen es ausbaden wenn ihr Haus "unhandlich" ist. Das kann auch durch eine noch so schöne Architektur nicht wettgemacht werden.

Glasflächen wirken nur dann attraktiv und architektonisch, wenn sie kristallklar sind. Das betrifft nicht nur die Fenster. Auch der Duschspaß in der Klarglas-Kabine wird durch den nachfolgenden Putzaufwand erheblich gemindert. Oder der weiße Teppichboden. Vor der Terrassentür zeigt er unerwartet schnell Laufspuren, hervorgerufen durch den Schmutz aus dem Garten. Hier muss so lange gereinigt werden, bis man sich endlich zu einer robusten Fliesenfläche im Türbereich entschließt.

Auch die attraktive offene Küche wird in vielen Häusern zum Dauerstress für die Hausfrau und die ganze Familie. Sie muss nämlich fortwährend (und möglichst sofort) aufgeräumt werden, damit der Blick vom Wohnraum auf die reizvoll platzierten Küchenutensilien nicht durch Kochtöpfe, Pfannen und verschmutztes Geschirr beeinträchtigt wird. Einfach die Tür hinter dem Koch-Chaos zuzumachen geht nämlich nicht.

Unsere Großeltern waren da weitsichtiger. Sie bauten vor allem praktisch und fügten der Küche sogar noch einen großen Wirtschaftsraum hinzu. Der aber wird heute gern eingespart, oder unzweckmäßig in den Keller verbannt. Gleiches gilt für Abstellräume.

Aber viele Häuser werden aus Kostengründen ohne Keller gebaut und der Dachboden bis unter die Spitze für Schlafräume genutzt. Dann müssen zusätzliche Schränke und Regale in den Wohnräumen den fehlenden Stauraum ausgleichen. Dabei sollte ja gerade das neue Haus mehr Platz bieten. Die Folge ist, dass nicht nur die Großzügigkeit des Wohnens leidet, ein vollgestelltes Haus ist auch schlechter zu reinigen und zu bewirtschaften.

Die Einplanung großzügiger Abstellräume ist teuer und geht deshalb zu Lasten der Wohnfläche! Das wollen uns Hausverkäufer gern weismachen. Recht haben sie! Aber anders als gedacht, denn fehlende Abstellfläche muss in den Wohnräumen kompensiert werden und kostet dann dort Fläche und Großzügigkeit.

Der Freizeitwert eines Hauses beweist sich deshalb nicht in Architektur und Innengestaltung, sondern seiner Gebrauchstüchtigkeit. Werden Hausarbeit und Hauswirtschaft durch gute Planung der täglichen Abläufe des Familienlebens erleichtert, ergibt sich zwangsläufig auch mehr freie Zeit zum Faulenzen und für Hobbies.

So gesehen hängt auch der Freizeitwert des Gartens vom Haus ab. Denn während der Hausarbeit kann man den Garten nur durchs Fenster betrachten.
Wer sich einmal kritisch mit dem Bauen und vielleicht sogar mit dem eigenen Haus auseinandersetzen will, wer hinter die Kulissen von Werbung und Fehlinformationen schauen will, für den sind die beiden aktuellen Taschenbücher von Joachim Schmidt eine Fundgrube überraschender Erkenntnisse.

Jeder Band kostet 9,80 EUR und ist im Buchhandel erhältlich, oder über Internet bei http://www.libri.de

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