Februar 2006 Hinsichtlich gewisser Eigenschaften unterscheidet der Obstbauer verschiedene Triebformen.
Vom
Langtrieb spricht er, wenn eine Endknospe kräftig ausgetrieben ist und damit zum Aufbau der Krone nennenswert beiträgt. Beim Kern- und Steinobst häufig im oberen Teil, beim Strauchbeerenobst im unteren Teil der Krone. Langtriebe werden oft zu Gerüstästen. Sie dienen dann dem Aufbau des Kronengerüstes. Bei Halb- und Hochstämmen stellen sie die Seitenleitäste. Beim Kernobst tragen sie Blattknospen, beim Pfirsich und der Sauerkirsche oft die besten Blütenknospen. Nach kräftigem Rückschnitt oder nach einem Verjüngungsschnitt bilden die der Schnittfläche am nächsten liegenden Augen solche Langtriebe, in diesem Fall auch Wasserschosse genannt.
Aus den Seitenaugen werden im Folgejahr die
Kurztriebe, die nur wenige Zentimeter lang sind. Sie enden oft mit Blütenknospen und stellen ein wichtiges Potential einer Krone dar. Das Bild des Fruchtholzes ist recht sortentypisch. Mehrjährige Kurztriebe, besonders wenn sie bereits gefruchtet haben, nennt man
Fruchtholz oder
Fruchttriebe. Je nach Alter kann dies bis zu einem halben Meter lang werden. Wertvoll ist es nur soweit, wie ausreichend Sonnenlicht die Blattrosetten erreicht. Nur dann werden Blüten induziert. Fruchtholz im Inneren einer Krone bringt kaum genießbare Früchte.
Äste bauen das Kronengerüst auf,
Zweige hingegen sind diesen untergeordnet und tragen das Fruchtholz. Großkronige Bäume haben viele Äste, moderne Spindeln dagegen keine. Die
End- oder Terminalknospen sitzen an Langtrieben und enthalten nur Blattanlagen. Die unterhalb dieser sitzenden bringen bei Äpfeln und Birnen meistens Blätter. Beim Steinobst können je nach Art und Ernährung des Baumes Blütenanlagen enthalten sein, so z.B. bei den meisten Sauerkirschen. Am Fruchtholz sitzen die typischen
Blütenknospen. Sie unterscheiden sich äußerlich durch die rundlichere Gestalt, innerlich jedoch durch bereits vorhandene Blütenanlagen. Sie sind nach guten Sommern bereits voll ausgebildet, so dass man mit Hilfe eines Mikroskops alle Blütenteile erkennen kann. Bei Süß- und Sauerkirschen sei noch auf die
Bukettknospe hingewiesen: Auf ganz kurzem Holz sitzen mehrere Blütenknospen, selten eine Blattknospe. Sie bringen viele Früchte, treiben jedoch nicht aus. Die Ansatzstelle zwischen unter- und übergeordnetem Holz bezeichnet der Obstbauer als
Astring, zu erkennen an einer wulstartigen Aufwölbung der Rinde. In ihr befinden sich Rindenzellen, die zum Austrieb befähigt sind. Beim gepflegten Baumschnitt schneidet man "am Astring". Sauber geschnittene Wunden überwallen nach einigen Jahren mit einem sogenannten Wundgewebe und verschließen die Holzwunde. Um diesen Prozess zu fördern, werden größere Wunden mit einem scharfen Messer nachgeschnitten und mit einem Wundmittel verstrichen. Die holzigen Teile bestehen im Wesentlichen aus der schützenden Rinde. Es folgt dann der
Bast, in dem die Leitungsbahnen für den Abwärtstransport der meist in gelösten Kohlehydraten vorliegenden Baustoffe verlaufen. Im "Kambium" findet das Dickenwachstum statt, aus dem zur Stammitte der nächste Jahresring entsteht. Mit der äußeren Zellschicht erneuert sich der Bast. In den "Jahresringen" befinden sich die Leitgefäße, die das von den Wurzeln aufgenommene Wasser mit den Nährstoffen nach oben in die Blätter zu den Assimilationsorten transportiert.
Abhängig vom Lebensalter eines Baumes sprechen wir vom "Jugendstadium", in dem der neugepflanzte Baum entsprechend dem Ziel des Besitzers "erzogen" wird. Schnittmaßnahmen werden als
Erziehungsschnitt benannt. Mit dem Einsetzen nennenswerter Erträge wechselt man zum
Erhaltungsschnitt: Es überwiegen die Maßnahmen zur Erhaltung einer ausgewogenen und leistungsstarken Krone. Werden erste Anzeichen der Vergreisung sichtbar, wird ein
Verjüngungsschnitt zum Anreiz einer Regeneration notwendig. Diese Phasen gehen ineinander über.
Spitzenförderung
Beim Schnitt der Obstgehölze haben wir es mit weiteren Gesetzmäßigkeiten zu tun. Eines der wichtigsten Gesetze ist das der Spitzenförderung. Es treibt stets die Knospe am stärksten aus, die am höchsten sitzt. Dies trifft nicht nur für die Baumspitze zu, sondern wirkt in jedem Astsystem. Ein senkrecht stehender einjähriger Trieb wird stets aus der obersten Knospe den Trieb mit den meisten Blättern machen. Je tiefer die austriebsfähigen Knospen sitzen, desto geringer wird die Wachstumsleistung sein und der Astwinkel weitet sich. Oftmals bleiben die an der Basis sitzenden "hocken". Austriebe neigen sich mehr in die Waagerechte. In der Praxis nutzen wir diesen Umstand beim Aufbinden eines schwächeren Seitenleitastes oder zur Stärkung eines durch Behang abgeneigten Gerüstastes. Andererseits können wir auch das Wachstum bremsen, indem durch Abspreizen der Wuchs gemindert wird.
Die
Oberseitenförderung entsteht in dem Moment, wenn sich der Ast weiter in die Waage neigt. Die Knospen auf der Oberseite wachsen ungleich stärker als die dem Boden zugeneigten. Seitlich sitzende machen nur wenige Blätter. Da die Mehrzahl der Äste in einem Baum eine schräge Richtung aufweist, werden sowohl die Oberseiten- als auch die Spitzenförderung wirksam.
Was passiert, wenn sich ein Trieb oder Ast bogenförmig in die Waagerechte entwickelt hat? An der höchsten Stelle des Bogens wird auf der Oberseite der kräftigste Austrieb entstehen. Alle darunter sitzenden Augen bringen je nach ihrer Stellung weniger Zuwachs. Diese Erscheinung nennt der Fachmann
Scheitelpunktförderung. Kippt einmal ein Zweig aufgrund starken Behangs ganz ab, so wird er sich in aller Regel an der Basis, die dann oft der höchstgelegene Punkt ist, verjüngen. Die
Basisförderung tritt ein.
Wie reagiert der Baum auf Schnittmaßnahmen?
Das Gesetz von der Stärke des Rückschnittes: Wird ein schrägstehender einjähriger Ast stark zurückgeschnitten, beispielsweise auf fünf Augen, so treibt er stark aus, aus der obersten Knospe am stärksten. Würde man diesem Trieb nur ein oberes Viertel entfernen, wäre der Austrieb ungleich schwächer. Unangeschnitten würde die Endknospe austreiben, die darunterliegenden Augen sich jedoch mit kurzem Holz zu Fruchtästen entwickeln. Je stärker also der Rückschnitt, um so stärker der Austrieb. Zu beachten ist jedoch, dass sich in der Krone keine höher sitzenden starken Äste befinden.
In diesem Zusammenhang soll der Begriff der
Saftwaage oder
Schnittebene erklärt werden. In der Krone eines jungen Baumes sollten die dem Aufbau dienenden Äste (Seitenleitäste) gleichmäßig in der Runde verteilt sein - so wünscht man es sich. Der Ansatz am Stamm in der Höhe versetzt sorgt für gleichmäßige Versorgung mit Nährstoffen. Um eine ausgewogene Krone entstehen zu lassen, strebt man gleiche Astansatzwinkel an. Die
Seitenleitäste werden in der Regel einige Jahre angeschnitten, wenn eine großräumige Krone angestrebt wird. Dieser Anschnitt muss bei allen drei oder vier Seitenleitästen in der gleichen Höhe vom Boden geschehen, sie sollen in der Waage liegen, weil sie so gleichmäßig mit Nährstoffen (Saft) versorgt werden. Das ist die Basis für eine annähernd symmetrische Krone.
Der Erfolg im Obstgarten hängt von der Pflege ab. Pflege spielt sich in dem Dreieck von Schnitt - Düngung - Pflanzenschutz ab, wobei es müßig ist, einer Größe davon eine Priorität zukommen zu lassen. Von allen ein ausgewogenes Maß, stets zur richtigen Zeit, gepaart mit einer guten Beobachtungsgabe und ein wenig Einfühlungsvermögen ist ein wertvolles Rezept zum Erfolg.
Lesen Sie auch: Die Wachstumsgesetze und der Umgang mit ihnen (Teil 1) Januar 2006Versuchen wir uns einmal vorzustellen, wo wir in einer naturbelassenen Landschaft die Vorfahren unserer Obstgehölze finden würden. Sicher sind die lichtbedürftigen Kern- und Steinobstarten an den Waldrändern, Strauchbeeren im buschigen Gelände, die Nussarten in der freien Landschaft und Erdbeeren und die kleinen Sträucher Heidel- und Preiselbeeren dagegen im waldfreien Gelände zu finden. In ihrer Entwicklungsgeschichte haben sie einen Standort gefunden, der ihrem Habitus entspricht. | |